Family Life

Bedingungslose Liebe

Heute erzähle ich euch von der Sache mit dem CD-Player. Diese Geschichte liegt schon ein paar Wochen zurück. Es war für mich eines der einschneidendsten Erlebnisse auf dem Weg, Tom zu verstehen.

Vor dem Schlafengehen wollte Tom noch eine CD hören. Ich lieh ihm dafür meinen alten, lieb gewonnenen, mit nostalgischen Gefühlen behafteten Discman – gibt es sowas heute überhaupt noch? Naja, egal. Jedenfalls lag mir das Teil am Herzen, weil es mich schon auf vielen Reisen begleitet hat und einige Erinnerungen daran hingen. Als es Zeit zum Schlafen war, ging ich in sein Zimmer, wo er ruhig auf dem Bett saß, mit einem Schraubenzieher in der Hand. Das allein war noch nichts Ungewöhnliches, da er gerne an seinem ferngesteuerten Auto oder sonstigem Spielzeug herumschraubt. Der Discman lag auf dem Schreibtisch. Ich wollte ihn kurz beiseite legen und merkte dabei, dass er kaputt war: Auseinandergebrochen oder -geschraubt (?), die obere Klappe baumelte nur noch an einem Kabel, kurzum, er ließ sich nicht mehr benutzen. Ich war total perplex und fragte zunächst Tom, was denn mit passiert sei. “Nichts!” Das machte mich erst richtig sauer! Um kurz durchzuatmen, ging ich aus dem Zimmer und fragte bei der Gelegenheit gleich meinen Mann, ob man den CD Player wohl noch reparieren könnte. Keine Chance! Mit dieser Info ging ich zurück zu Tom, der allerdings völlig teilnahmslos im Bett saß und nur mit den Schultern zuckte. Ahhh, das machte mich so wütend! Eine Entschuldigung wäre doch wohl das mindeste oder wenigstens eine Erklärung! Meine Versuche, ein Gespräch mit ihm zu führen, liefen ins Leere. Tom drehte sich nur um und sagte, er wollte jetzt schlafen. Bäm!

In meinem Bauch rumorte es, in meinem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Nach nochmaligem tiefen Durchatmen sagte ich zu ihm:
“Okay, dann rutsch mal rüber, damit wir kuscheln können.”
“Warum denn?”
“Weil wir immer kuscheln vorm Schlafengehen, weil ich das schön finde und weil ich dich lieb habe.”
“Aber jetzt doch nicht mehr! Jetzt habe ich doch deinen CD Player kaputt gemacht!”
“Das stimmt und das ärgert mich auch. Aber ich habe dich immer gleich dolle lieb. Ganz egal, was du machst. Und du kannst überhaupt nichts machen, um das zu ändern!”

Da brachen bei ihm alle Dämme. Er weinte und schluchzte und heulte Rotz und Wasser. Es täte ihm leid, er würde von seinem Taschengeld die Reparatur bezahlen oder mir einen neuen kaufen. Er wollte das nicht. Der Discman wäre ihm runtergefallen und er wollte ihn wieder zusammenschrauben, aber das hätte halt nicht geklappt. Ich hörte ihm zu, weinte mit ihm und streichelte ihm den Rücken, während wir gemeinsam überlegten, was man tun könnte, um das Teil zu reparieren. Wir waren ein Team im Lösungsuchen, wir hatte eine Verbindung und die Atmosphäre war voll Optimismus.

Was muss der arme Junge vorher gelitten haben! Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie schlimm es sich für ihn angefühlt haben muss, diese Angst, vielleicht gleich weggeschickt zu werden, ausgeschimpft, angeschrien, auf jeden Fall Ärger zu bekommen und nicht mehr liebgehabt zu werden. Das ganze Mir-Doch-Egal-Verhalten, sein Schweigen und Schulterzucken waren doch nur Selbstschutz und der Versuch, eine Mauer aufzubauen, um selbst nicht verletzt zu werden. “Ich komme alleine klar, ich brauche euch nicht!” oder eigentlich “Ich will euch nicht brauchen.”

Ich glaube, Tom hat in diesem Moment zum ersten Mal verstanden, was bedingungslose Liebe ist. Dass es nicht von der Leistung, vom “Bravsein” oder sonst irgendetwas abhängt, sondern dass es um ihn geht. Und egal wie schwierig die Situation ist, egal wie wütend, nervig oder gemein das Verhalten ist, den kleinen Kerl da drin tief im Inneren, den habe ich tatsächlich immer gleich dolle lieb.

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Ein Gedanke zu „Bedingungslose Liebe“

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