Selbstfürsorge

Frustrationstoleranz

Die Freuden als Eltern, heute: Schimpfwörter
Tom kommt aus der Schule: „Ficker!“ 
Ich: „Du weißt doch gar nicht, was das ist!“
Tom: „Wohl!“ *holt Aufklärungsbuch* „Guck mal hier hinter der Klappe!“

Ich war frustriert. Seit einigen Wochen schon warf Tom mit Schimpfwörtern nur so um sich. Ständig hieß es “du bist scheiße”, “Arschloch”, “ich töte dich” oder noch schlimmeres, was ich hier lieber gar nicht aufschreiben möchte. Jede kleinste Bitte meinerseits wie “Bitte die Schuhe im Flur ausziehen” oder “Häng doch bitte deine Jacke auf” führten sofort zur Explosion, Türenknallen, einem frechen “Nö” oder halt besagten Kraftausdrücken. Die Stimmung im Haus litt darunter, Lisa und Anna fingen an, die Wörter zu übernehmen und ebenso inflationär auszuposaunen wie der große Bruder. Eines Abends saß meine kleine Tochter in ihrem Zimmer, spielte mit Barbies und sang dabei in Endlosschleife “Mama ist doof” vor sich her. Es war sehr anstrengend. Ich versuchte zunächst, es zu ignorieren – ohne Ergebnis. Ich sprach an, dass es mich stört – ohne Ergebnis. Ich schimpfte und drohte – natürlich auch ohne Ergebnis.

Mir wurde nach einigen Tagen klar, dass ich Tom nicht dazu bringen würde, damit aufzuhören, wenn er es nicht selbst wollte, und leider war seine Kooperationsbereitschaft in dieser Sache nicht sonderlich groß. Vermutlich brauchte er die derben Worte als Ventil für seine Gefühle, und immerhin war das noch besser als zu hauen oder Dinge zu zerstören. Ich fragte mich also, worum es mir eigentlich ging. Respekt? Auch, aber nicht in erster Linie. Erst ganz langsam kam ich meinem Gefühl auf die Schliche: Ich war erschöpft. Ich wollte, dass meine Erziehungsbemühungen Früchte trugen, ich wollte Ergebnisse sehen, ich wollte merken, dass ich etwas erreiche. Als mir dieses Bedürfnis “Wirksamkeit” bewusst wurde, konnte ich gelassener mit der Situation umgehen. Zwar fielen immer noch Schimpfwörter, aber ich machte mir klar, dass das nicht bedeutet, dass ich alles hinschmeißen und gleich aufgeben sollte, weil meine Erziehungsbemühungen sinnlos sind. Im Gegenteil – es ist halt einfach so, dass man erst in Jahren oder Jahrzehnten ernten kann, was man heute sät.

Laut Wikipedia ist Frustrationstoleranz übrigens ”eine Persönlichkeitseigenschaft, die die individuelle Fähigkeit beschreibt, eine frustrierende Situation über längere Zeit auszuhalten, ohne die objektiven Faktoren der Situation zu verzerren.” Oder wie mein BWL-Professor einst sagte: “Frustrationstoleranz heißt, mehrmals hintereinander mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen und dabei noch zu lächeln.”

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