Last Updated on 23. Februar 2026 by Marita

Als mein Bonussohn älter wurde, haben wir ihm freigestellt, ob er an den Umgangswochenenden zu uns kommen möchte oder nicht. Als Teenager ist es schließlich normal, dass Freunde, eigene Pläne oder das Bedürfnis nach Autonomie manchmal wichtiger sind als der Besuch beim Vater.

In dieser Zeit kam es vor, dass er über mehrere Wochen nicht zu uns kam. Wir fragten gelegentlich nach – bekamen aber oft keine Antwort oder ein kurzes Nein. Irgendwann hörten wir auf, regelmäßig zu fragen. Nicht aus Desinteresse, sondern aus Respekt vor seiner Freiheit.

Was mir auffiel: Wenn ich ihm schrieb „Wir haben ein neues Spiel und würden uns freuen, es am Wochenende mit dir zu spielen“,
war die Wahrscheinlichkeit deutlich höher, dass er tatsächlich kam.

Damals habe ich mir darüber nicht viele Gedanken gemacht. Heute weiß ich: Die Angst vor Zurückweisung (Rejection Sensitive Dysphoria RSD) ist eines der Hauptsymptome von ADHS.

Was ist RSD eigentlich?

RSD steht für Rejection Sensitive Dysphoria – eine ausgeprägte Empfindlichkeit gegenüber Zurückweisung oder dem, was sich innerlich wie Zurückweisung anfühlt.

RSD ist keine eigene Diagnose, sondern ein häufiges Muster bei Menschen mit ADHS. Es beschreibt ein Nervensystem, das:

  • emotionale Signale ungefiltert wahrnimmt
  • schneller reagiert
  • intensiver fühlt
  • langsamer wieder zur Ruhe kommt

Schon kleine Unklarheiten – ein „Vielleicht“, ein ausbleibender Rückruf, ein neutraler Kommentar – können sich innerlich anfühlen wie eine klare Botschaft: Ich bin nicht gewollt. Ich störe. Ich gehöre nicht dazu.

Warum trifft RSD Kinder mit ADHS so häufig?

Viele Kinder mit ADHS erleben von klein auf mehr Korrekturen, mehr Kritik und mehr Zurückweisungen. Nicht, weil sie absichtlich anecken, sondern weil ihr Verhalten sichtbarer ist: impulsiver, emotionaler, lauter, sensibler.

Diese Erfahrungen hinterlassen Spuren. Mit der Zeit entsteht oft eine innere Grundannahme:
Ich bin zu viel. Ich bin anstrengend. Man will mich eigentlich nicht dabei haben.

RSD ist deshalb keine Überempfindlichkeit – sondern eine lernbare Schutzreaktion.

Welche Auswirkungen hat RSD im Patchwork?

Patchwork ist kein neutrales Familiensystem. Es ist geprägt von:

  • Übergängen
  • zeitlich begrenzter Nähe
  • nicht selbstverständlicher Zugehörigkeit

Für ein ADHS-Nervensystem mit RSD bedeutet das: Jede ausbleibende Rückmeldung, jede offene Einladung, jedes Schweigen kann alte innere Muster aktivieren.

Was organisatorisch gemeint ist, wird emotional gelesen.

Das erklärt, warum manche Kinder nur dann kommen, wenn sie ausdrücklich eingeladen werden. Nicht aus Bequemlichkeit. Sondern, weil sie Sicherheit brauchen.

Gerade im Patchwork entstehen schnell Deutungen wie:

  • „Der will nur Extraaufmerksamkeit.“
  • „Das ist Manipulation.“
  • „Der ist doch alt genug.“
  • „Wenn er will, kann er sich melden.“

Aus RSD-Perspektive geht es jedoch nicht um Aufmerksamkeit oder Macht, sondern um eine zentrale Frage:
Bin ich wirklich gemeint? Bin ich willkommen?

2023 war mir das noch nicht bewusst. Die Kommunikation war entsprechend.
Zwischen den beiden „Hi“ liegt fast ein Monat. Auch das ist ok.

Was hilft konkret bei RSD im Patchwork?

RSD lässt sich nicht abstellen – aber es lässt sich abfedern.

1. Zugehörigkeit explizit machen

Was für Erwachsene selbstverständlich erscheint, ist es für viele Kinder und Jugendliche mit RSD nicht. Zugehörigkeit muss nicht nur vorhanden sein – sie muss klar ausgesprochen werden.

Hilfreich sind deshalb klare, direkte Signale wie:

  • „Wir freuen uns auf dich.“
  • „Du bist eingeladen.“
  • „Du bist gemeint – auch wenn du dich nicht meldest.“
  • „Du darfst kommen, auch wenn du unsicher bist.“

Gerade im Patchwork wirkt eine explizite Einladung oft stärker als jede offene Tür. Nicht, weil Kinder bequem sind, sondern weil sie Sicherheit brauchen, bevor sie sich innerlich bewegen können.

Wenn ich konkret sage, was wir planen und mein Bonuskind einlade, kommt er auch.

2. Initiative entlasten – nicht einfordern

Viele Konflikte entstehen, wenn Erwachsene erwarten, dass Kinder „sich halt melden“, „Bescheid sagen“ oder „Verantwortung übernehmen“. Für ein Kind mit RSD (und auch für Kinder generell!) kann genau das jedoch emotional überfordernd sein.

Stattdessen kann es entlastend sein, wenn Erwachsene:

  • verlässlich den ersten Kontakt aufnehmen
  • Angebote machen, ohne Druck aufzubauen
  • ein Nein nicht persönlich nehmen
  • Wiederholungen nicht als Rückschritt werten

Initiative wächst nicht durch Erwartung, sondern durch Sicherheit.

Ich weiß, dass es sich manchmal blöd anfühlt, immer diejenige sein zu müssen, die den ersten Schritt geht. Vor allem, wenn man sich schon mehrmals die Nase blutig gehauen hat, weil man eine patzige oder schlicht gar keine Antwort bekommt. Gerade hier hilft das Wissen, dass dein Bonuskind die beste Strategie wählt, die ihm oder ihr in dem Augenblick zur Verfügung steht. Wenn sie eine bessere hätte, würde sie die nehmen!

Meiner Erfahrung nach klappt am besten, nichts zu erwarten und sich dann darüber zu freuen, wenn doch eine Reaktion kommt.

Auch wenn keine Reaktion kommt, einfach am Ball bleiben.

3. Neutralität vermeiden – Klarheit schaffen

Unklare Botschaften sind für RSD besonders schwierig. Ein „Mal sehen“, ein „Vielleicht“, ein Ausbleiben von Rückmeldung wird innerlich oft als Ablehnung gelesen.

Deshalb hilft im Patchwork:

  • klare Zusagen oder klare Absagen
  • transparente Absprachen
  • kurze Rückmeldungen statt Funkstille
  • lieber ein „Heute passt es nicht“ als Schweigen

Klarheit mag sich manchmal hart anfühlen – für ein sensibles Nervensystem ist sie oft wohltuend.

Meine Frage hat er ja beantwortet. Mehr erwarte ich gar nicht (und auch darüber freue ich mich und nehme es nicht selbstverständlich).

4. Verhalten nicht sofort deuten

Rückzug, Coolness, Abwehr oder Gleichgültigkeit sind bei RSD häufig Schutzstrategien. Nicht jede Distanz bedeutet Desinteresse. Nicht jede Provokation ist ein Angriff.

Hilfreich ist eine innere Pause vor der Deutung: Was könnte dieses Verhalten schützen wollen?

Diese Frage verändert nicht nur den Umgang mit dem Kind – sondern auch die eigene emotionale Reaktion.

Bei so einem Türschild ist es wohl ernst! 😉

5. Sich selbst aus der Schusslinie nehmen

Gerade im Patchwork fühlen sich Erwachsene schnell persönlich getroffen: Warum meldet er sich nicht? Warum zeigt sie keine Freude? Warum kommt er nur, wenn wir extra einladen?

RSD zu verstehen bedeutet auch, sich selbst zu entlasten. Nicht jedes Verhalten ist eine Aussage über die Beziehung. Manches ist Ausdruck innerer Unsicherheit – nicht mangelnder Bindung.

Wenn du merkst, dass es dir zu viel wird und du keine Kraft mehr hast, darfst (und solltest) du dich erstmal um dich kümmern. Gerade wenn du vom Typ Engagierte Bonusmutter bist, läufst du sonst Gefahr, deine eigenen Grenzen zu übergehen.

Nimm das, was dein Bonuskind tut, nicht persönlich. Er agiert nicht gegen dich, sondern für sich. Und das oft einfach aus Überforderung. Es hat nichts mit dir zu tun.

RSD im Patchwork – auf einen Blick

  • RSD beschreibt eine erhöhte Empfindlichkeit gegenüber (wahrgenommener) Zurückweisung.
  • Sie ist keine zusätzliche Diagnose, sondern ein häufiges Muster bei ADHS.
  • Schon kleine Unklarheiten können sich innerlich anfühlen wie: Ich bin nicht gewollt.

RSD ist im Patchwork besonders relevant, weil:

  • Zugehörigkeit nicht selbstverständlich ist
  • Übergänge emotionale Unsicherheit verstärken
  • Beziehungen immer wieder neu bestätigt werden müssen

Was entlastet:

  • Zugehörigkeit klar benennen
  • Einladungen explizit aussprechen
  • Initiative nicht einfordern, sondern anbieten
  • Unklarheit vermeiden, Klarheit geben
  • Verhalten nicht vorschnell persönlich nehmen

Kommt dir das bei deinem Bonuskind bekannt vor? Wie bist du bisher damit umgegangen – und was willst du zukünftig anders ausprobieren? Schreib deine Erfahrungen in die Kommentare!

Bauchschmerzen, wenn seine Kinder kommen?

 

Aus Erfahrung weiß ich, wie hilflos man sich als "Bonusmama" fühlen kann. Deshalb habe ich meine besten Tipps VOR, AM und NACH dem Kinder-Wochenende für dich zusammengestellt.
 
Damit du dich endlich wieder aufs Wochenende freuen kannst - egal, ob das Kind da ist oder nicht.

Das hat geklappt!

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