“Hey, Marita, hast du schon gehört: Matthias ist wieder Single!”

“Na und? Der ist doch viel zu alt für mich und außerdem hat er schon ein Kind!”

Es war 2009, ich war 28 Jahre alt und fand den Gedanken absurd. Ein acht Jahre älterer Mann. Noch schlimmer: Vater eines kleinen Jungen. Das passte nicht in meinen Kleinmädchentraum vom Traummann, Hochzeit und Bilderbuch-Familienleben. Aber wie das im Leben so ist, kann man sich nicht aussuchen, in wen man sich verliebt…

Auf dem Weg zur Patchworkmama bin ich vier typische Phasen durchlaufen:

Phase 1: Kennenlernen: Will ich mit diesem Mann leben?
Phase 2: Begegnung mit dem Stiefkind: Meine Rolle als Stiefmutter
Phase 3: Wachstum: Wenn eigene Kinder dazukommen
Phase 4: Zusammenwachsen als Familie: Der ganz normale Wahnsinn

Jede Phase ist und war geprägt von bestimmten Herausforderungen und Fragen, die ich im jeweiligen Zeitraum zu bearbeiten hatte. Rückblickend sehe ich, wie vieles davon ich mittlerweile gelöst und hinter mir gelassen habe. 

Phase 1 Kennenlernen: Will ich mit diesem Mann leben?

Gleich am Anfang der Beziehung oder sogar noch bevor ich mich entschieden habe, mich auf diesen Partner einzulassen, kamen diese Fragen in mir auf:

>> Wie ernst meint er es mit mir? Von seiner Ex hat er sich getrennt, obwohl sie ein Kind zusammen haben.
>> Die Umgangsregelung blockiert die Hälfte aller Wochenenden, Urlaube und Feiertage. Wo bleibt da noch Zeit für mich und meinen Partner?
>> Als Mutter seines Kindes wird die Ex immer ein Bestandteil unserer Lebens sein. Wie kann ich damit leben, dass immer eine fremde Frau präsent ist?
>> Will ich wirklich “Stiefmutter” sein? Kann ich das schaffen?

Ständig tauchte in meinem Kopf die Frage auf: “Was soll dieser Mann mit Kind in meinem Leben? Warum wurde er mir geschickt?” Und eines Tages hatte ich die Antwort glasklar vor mir: Ich stelle die falsche Frage! Nicht Matthias wurde mir geschickt, sondern ich ihm. Ich soll in seinem Leben sein und in dem Leben seines Sohnes. So entschloss ich mich, trotz der ganzen Fragen und Unsicherheiten das Wagnis “Mann mit Kind” einzugehen.

Verliebt und voller Energie

Die nächste zwei Monate taten wir, was verliebte Paare halt so tun. Wir verbrachten jede freie Minute miteinander, schickten uns kitschige Emails, planten einen gemeinsamen Urlaub in Venedig. Ich hatte mir zu diesem Zeitpunkt ehrlich gesagt noch wenig Gedanken darüber gemacht, wie das Zusammentreffen mit seinem Sohn sein würde. Ich war so sehr mit unserem Verliebtsein und den Anfängen der Beziehung beschäftigt, dass ich den Sohn zwar im Hinterkopf als Teil des Ganzen akzeptierte, aber mich nicht bewusst damit auseinandersetzte. Ich war überzeugt, dass das alles schon klappen würde, weil wir als Basis unsere Liebe und diese Gewissheit meiner Vision hatten, dass das genauso sein soll. Ich hatte es als Aufgabe in meinem Leben akzeptiert, zu Matthias und seinem Sohn zu stehen, und war überzeugt, dass ich auch die nötigen Fähigkeiten dafür schon irgendwie bekommen würde. Jaja, die berühmte rosarote Brille.

Phase 2 Begegnung mit dem Stiefkind: Meine Rolle als Stiefmutter

An einem Wochenende im Januar war es dann soweit. Matthias fuhr 150km zu seiner Ex, um den kleinen Tom abzuholen. Mittlerweile lebten wir beide in meiner Zweizimmerwohnung und so brachte er ihn direkt dorthin mit. Er hatte ein kleines Reisebettchen dabei, denn er war ja erst anderthalb Jahre alt.

Ja, und da stand ich nun mit einem kleinen Baby, ohne Erfahrung, ohne die Vorbereitungszeit einer Schwangerschaft, ohne Hormone und Mutterinstinkte, die einem dabei helfen, mit einem kleinen Kind umzugehen. Tom konnte noch nicht laufen, er hatte einen Schnulli, ein Fläschchen, musste gewickelt werden, Mittagsschlaf machen und fing gerade erst an, Nudeln mit den Fingern essen zu können. Ich hatte ja keine Ahnung! Ich war völlig unvorbereitet, konnte nur auf meinen Instinkt als Frau zurückgreifen und hoffen, dass meine eigene Kindheit und das, was man landläufig so über Erziehung weiß, ausreichen würde.

Ein Wochenende nach dem anderen

Gerade jetzt schaue ich mir die Fotos von den ersten Wochenenden an: wie Tom engelsgleich auf meinem weißen Sofa schläft, wie er an einem kleinen Tischchen laufen übt, wie Teile meines Wohnzimmers mit Sofakissen abgesperrt sind, um es kindersicher zu machen. Da sitzt er lächelnd in der Badewanne und kaut an einer kleinen Zahnbürste. Und hier ist ein Foto, auf dem mein Mann Tom auf dem Arm trägt und beide in die Kamera lächeln. Schöne Momente haben wir festgehalten zum Anschauen und Erinnern.

Aber ich erinnere mich auch an die Nächte, in denen Tom bitterlich geweint hat und sich stundenlang nicht beruhigen ließ. Ich hielt ihn im Arm, wiegte ihn, streichelte ihn und sang für ihn alle Schlaflieder, die ich kannte. Ich tat alles, was ich konnte, und konnte ihm doch nicht das geben, was er eigentlich wollte: seine Mama. Das Singen hat teilweise geholfen, und als ich nach Stunden nicht mehr konnte, sagte mein Mann: “Aber du musst singen!” Das wurde für die nächsten Wochen zu einer Art Mantra: du musst singen, du darfst nicht aufgeben, du kannst es schaffen.

>> Das Kind sieht aus wie die Ex. Denkt er ständig an sie?
>> Ich bin einfach nicht die echte Mama. Werde ich je eine gute Beziehung zu meinem Bonuskind aufbauen können?

>> Wie viel darf oder soll ich mich in die Erziehung einbringen?
>> Will ich “Stiefmutter” sein? Oder “Bonusmama”? Ich will seine Mutter ja gar nicht ersetzen. Was ist meine Rolle in dem ganzen?

>> Wird irgendwann der Satz fallen: “Du bist nicht mein Mama, du hast mir nichts zu sagen!”? Wie soll ich darauf reagieren?

In dieser Hinsicht war es vielleicht gut, dass Tom noch so klein war, denn in seiner Erinnerung gehöre ich immer schon zum Papa dazu.

Phase 3 Wachstum: Wenn eigene Kinder dazukommen

In der Phase nach unserer Hochzeit fingen wir an, gemeinsame Kinder zu planen. Jetzt kamen in mir wieder andere Fragen auf:

>> Die Erfahrungen mit Schwangerschaft und Geburt hat er alle schon einmal mit ihr gemacht. Ist das mit mir dann überhaupt noch etwas Besonderes?
>> Ihn verbindet so vielmehr mit seiner Ex als mit mir. Immerhin hat er “Familie” mit ihr. Sollten wir jemals ein Kind bekommen, wird er es dann genauso lieb haben oder stehen wir immer auf Platz 2?
>> Mein Partner und sein Kind waren schon eine Familie, als ich dazukam. Jetzt bilden wir eine Familie und unseren gemeinsamen Kindern und sein Sohn kommt am Wochenende dazu. Wie können wir zu einer Familie zusammenwachsen?
>> Wird sich mein Bonuskind als nicht-leibliches Kind hinter meinen anderen Kindern zurückgesetzt fühlen? Wie kann ich sicherstellen, jedem einzelnen Kind gerecht zu werden?

Diese Fragen und Unsicherheiten haben mich nicht davon abgehalten, es dennoch zu wagen. Als Tom vier Jahre alt war, kam seine Schwester Lisa auf die Welt und machte mich zu einer Mama, ein Jahr später folgte Anna. Ich war dann gut zwei Jahre in Elternzeit. In dieser Zeit habe ich nicht nur meine Töchter geboren, gestillt, gefüttert, getragen, gewickelt, gebadet und geknuddelt, sondern auch viele Elternforen und Erziehungsratgeber gelesen. Ich las Bücher über die Nachteile von Schlaftrainings, die Wichtigkeit von Authentizität und die Entwicklung des Gehirns. Ich verstand, warum Kinder Wutanfälle bekommen, was hinter der Autonomie(“Trotz”)phase steckt und erlebte, wie unterschiedlich Theorie und Praxis sein können; dass man Dinge, die man einst komplett ausgeschlossen hat, plötzlich wie selbstverständlich doch tut und wie gut sich das anfühlen kann.

Mutter und Stiefmutter

Diese Phase hat mich und mein Denken grundlegend verändert. In der Zeit davor war mein Leben in zwei Teile geteilt: An den kinderfreien Wochenenden gingen wir aus, frühstücken gemütlich auf dem Balkon, nahmen am gesellschaftlichen Leben teil, einer Vernissage oder Weinprobe, und genossen unsere Zeit zu zweit. An den Tom-Wochenenden war der komplette Tagesablauf durch seine Schlafenszeiten bestimmt. Das Stiefmutter-Sein war also schon rein zeitlich auf etwa 4 Tage im Monat beschränkt. Erst die Erfahrungen, die ich als Mutter machte, stießen einen echten Veränderungsprozess in mir an.

Rückblickend haben wir in der Phase allein mit Tom sicherlich viele Fehler gemacht. In der Anfangszeit war ich unsicher, wie viel ich mich überhaupt in seine Erziehung einbringen sollte. Mein Mann hatte einen strengen Stil mit Regeln und Verboten, ein paar Wochen versuchten wir es mit der Belohnungstafel nach dem Motto “Wenn du 10 Sterne gesammelt hast, darfst du dir etwas wünschen.” Dass das nur die Kehrseite der Medaille “Strafen” ist und der Beziehung absolut nicht förderlich, war uns zu dem Zeitpunkt einfach nicht bewusst.

Ein Vorteil war, dass wir die Situationen an den Wochenenden unter der Woche mit einigem Abstand besprechen und daraus lernen konnten. Aber oft führte das auch zu einem “Augen zu und durch”, da ja klar war, nach ein paar Stunden wäre er wieder bei seiner Mutter. Wir wollten die Wochenenden möglichst glatt über die Bühne bringen, da wäre ein Kind, das gehorcht und schlicht “funktioniert” natürlich praktisch. Dass BEziehung wichtiger ist als ERziehung, habe ich erst später gelernt.

Phase 4 Zusammenwachsen als Familie: Der ganz normale Wahnsinn

Mittlerweile sind wir in der Phase angekommen, die ich “der ganz normale Wahnsinn” nenne. Im Alltagsleben unterscheiden sich viele meiner Herausforderungen nicht sehr von denen anderer Mütter. Schule, Hausaufgaben, Terminorganisation, Streitigkeiten unter den Geschwistern. Es sind dieselben Probleme, die herkömmliche Familien auch erleben. Dennoch kommen einige Faktoren dazu, die speziell sind. Besonders ist teilweise der Sonntagabend, wenn Tom von seiner Mutter zurückkommt. Dann braucht er viel Verständnis und Hilfe dabei, umzuschalten und hier wieder anzukommen.

>> Inwiefern ist es für das Kind problematisch, dass die Kindsmutter einen anderen Erziehungsstil hat (z.B. bei Mediennutzung und Schlafenszeiten)?
>> Wie gehe ich damit um, wenn mich bestimmte Verhaltensweisen triggern, vor allem weil diese mich an die Ex-Partnerin meines Mannes erinnern?
>> Mein Partner behandelt die Kinder unterschiedlich. Ist das seine Sache oder sollte ich darauf Einfluss nehmen?
>> Zwischen den Geschwistern gibt es viel Streit, Neid und Missgunst. Wie kann ich positiv vermittelnd eingreifen?
>> Das Verhalten von meinem Bonuskind ist teilweise sehr herausfordernd. Muss ich für alle Kinder dieselben Gefühle haben?
>> Bin ich eine gute (Stief-)Mutter?

Wir haben eine klare Regelung, wann Tom bei uns ist und wann bei seiner Mutter. Das sorgt für eine gewisse Routine und Planbarkeit. Im letzten Jahr gab es einen Umbruch. Tom ist im Sommer 2017 zu uns gezogen. Seitdem ist er jedes zweite Wochenende bei seiner Mutter, die Ferien teilen wir hälftig. Also genau andersrum als es in den Jahren vorher war. Die Absprachen mit der Kindsmutter funktionieren mittlerweile sehr gut. So ist es auch immer mal möglich, Wochenenden zu tauschen oder bei Terminen gegenseitig einzuspringen. Ich sehe es klar als Vorteil, die Schließzeiten vom Hort gemeinsam mit der Kindsmutter abzudecken. Manchmal vermisst Tom seine Mama, dann bringen wir ihn an dem Wochenende dazwischen zusätzlich zu ihr, wenn es passt. Und ein Wochenende mit “nur” zwei Kindern ist zwischendurch auch mal sehr entspannt.

Meine Haltung heute

Heute habe ich eine wertschätzende Haltung im Umgang mit den Kindern verinnerlicht. Ich bin davon überzeugt, dass alle Menschen aus guten Gründen handeln. Mein Ziel ist das so genannte „unden“, also „und machen“, eben Konsens statt Kompromiss, ein neuer Weg. Ich habe die Erfahrung gemacht, je mehr ich auf die Gefühle des anderen achte, desto offener wird er auch für meine Anliegen. Menschen tragen gern zum Wohlergehen anderer bei, wenn sie dies freiwillig tun können.

Ich bin dankbar und stolz darauf, wie weit wir schon gekommen sind, welche schwierigen Situationen wir gemeistert haben und wie wir mit den aktuellen Problemen umgehen.

Wo stehst du gerade? Welche Fragen beschäftigen dich? Gern helfe ich dir auf deinem Weg zu einem harmonischen und glücklichen Familienleben.

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marita@patchworkaufaugenhoehe.de
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Ich freue mich auf dich!

Deine Marita