Direkt neben meinem Logo stehen 4 zentrale Begriffe meiner Lebensphilosophie, das erste davon ist “unden”. Seitdem ist die Frage, die ich am häufigsten gestellt bekomme, was das denn bitteschön sein soll. Das Wort “und-en” ist eine in Verbform gebrachte Version des Bindewortes “und”, also “und machen”. Es geht darum, im Konfliktfall Lösungen zu finden, die deine UND meine Bedürfnisse erfüllen, mit denen also beide Parteien zu 100 % zufrieden sind. Weg von “entweder-oder”, hin zu “sowohl-als auch”. Du fragst dich, wie das denn gehen soll? Dazu gehört etwas Umdenken – in unserer Gesellschaft sind wir nämlich leider darauf konditioniert, möglichst einen Kompromiss zu finden. 

Kom·pro·mịss, Substantiv [der]

eine von allen beteiligten Personen akzeptierte Lösung, zu der man durch gegenseitige Zugeständnisse gelangt.

Laut Wikipedia ist ein Kompromiss “die Lösung eines Konfliktes durch gegenseitige freiwillige Übereinkunft, unter beiderseitigem Verzicht auf Teile der jeweils gestellten Forderungen. Es wird von den Verhandlungspartnern ausgehend von den eigenen Positionen eine neue Mittelposition gebildet und diese erzielte Einigung als gemeinsames Ergebnis dargestellt. Der Kompromiss ist die vernünftige Art des Interessenausgleichs und des Dissens-Management. Er lebt von der Achtung der gegnerischen Positionen und gehört zum Wesen der Demokratie.”

Doch schauen wir uns die Behauptung, der Kompromiss sei “die vernünftige Art des Interessenausgleichs” einmal genauer an. In seinem wunderbaren Lied “Kompromisse” beschreibt es Roger Cicero folgendermaßen:

Du wolltest Rock und ich Stan Getz
Wir hörten Cats
Du wolltest Gottschalk, ich wollte Sport
Wir guckten Tatort
Du wolltest Disco und ich ins Kino
Wir landeten im Spielkasino
Du wolltest Malediven, ich wollte mal allein
Wir blieben daheim

Ich wollt nen Flitzer, du Caravan
Jetzt fahren wir Bahn
Du wolltest nach Hamburg, ich nach Berlin
Es wurde Schwerin
Du wolltest Kinder, ich sah keinen Grund
Es kam ein Hund
Du wolltest ihn, er wollte nicht
Jetzt hast du mich

Meine kluge Tochter brachte das ziemlich punktgenau auf den Satz: “Das ist ja doof, da kriegt ja keiner, was er möchte!” Aus diesem Grund gehen Kinder auch nicht gern Kompromisse ein, denn ihr Bedürfnis bleibt dabei unbefriedigt und auch als Erwachsene kennt man doch das schale Gefühl, der Kompromiss sei “faul” und nicht wirklich zufriedenstellend.

Aber was ist die Alternative zum Kompromiss, wenn beide Gesprächspartner unterschiedliche Anforderungen und Bedürfnisse haben? Du hast es schon erraten: “unden”, also beide Position miteinander so zu verbinden, dass jeder vollständig auf seine Kosten kommt und sein Bedürfnis ohne Abstriche befriedigt wird. Um solche eine Lösung finden zu können, muss man von der Strategieebene (du willst A, ich will B und beides zusammen geht nicht) zunächst auf die Bedürfnisebene kommen. Welches Bedürfnis erfüllst du dir mit A und wie könntest du dir dieses Bedürfnis auf andere Art erfüllen?

Unsere Anekdote mit dem Paket – so geht “unden”

Meine Kinder haben neulich eine perfekte Lösung für einen Konflikt gefunden, die mich sehr berührt hat. Die Situation war folgende: Wir fanden am Abend eine Benachrichtigungskarte im Briefkasten, dass unser neuer Wassersprudler bei den Nachbarn abgegeben wurde. Daraufhin wollte alle drei Kinder sofort nach nebenan stürmen, um das Paket abzuholen. Der Papa fand jedoch, dass wir dem 80jährigen Nachbarn keine Horde kreischender Kinder zumuten sollten. Scheinbar unvereinbare Wünsche, ein “Machtwort” vom Papa und nörgelnde Kinder – schon ist man mitten im Konflikt. Wir setzten uns daraufhin zusammen, um die Sache zur Zufriedenheit aller zu klären. Worum ging es den einzelnen denn wirklich?

  • Papa wollte ein gutes Verhältnis zum Nachbarn aufrechterhalten (Verbindung)
  • Tom sagte, er will mithelfen (Beitragen)
  • Lisa macht es einfach Spaß zum Nachbarn zu gehen (Anregung, Freude)
  • Anna wollte einfach nur schnell Sprudelwasser trinken (Effektivität)

Nachdem diese Bedürfnisse von allen ausgesprochen wurden, machte Tom einen Vorschlag: Lisa geht rüber und holt das Paket ab, da ihr diese Tätigkeit an sich wichtig war, er wollte dann das Paket auspacken und Anna würde das erste Glas Sprudelwasser bekommen. Wow! Ich fand das wirklich beeindruckend.

Vielleicht ist eine Lösung, die alle Bedürfnisse verbindet, nicht immer ganz einfach zu entdecken. Es lohnt sich aber, kreativ zu werden. Denn eines steht fest: Es gibt immer mehrere Strategien zur Bedürfnisbefriedigung und je öfter man es übt, nach Alternativen zur eigenen “Lieblingslösung” zu suchen, desto leichter wird es. Ich wünsche dir viel Spaß und Erfolg beim “Unden”!

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PS: Das schwungvolle Lied Kompromisse von Roger Cicero kannst du dir hier bei Youtube anhören! Let’s swing!