Gestern früh hatten mein Mann und ich einen Streit darüber, wer morgens die Brotdosen für die Kinder fertig macht. Jeder dachte, der andere wäre dafür zuständig und letzten Endes waren wir alle zu spät dran. Zwischen Tür und Angel lässt sich darüber nicht wirklich gut reden. Das verläuft sich oft in gegenseitigen “Mach doch auch mal…” oder “Immer muss ich…”. Aber Schuldzuweisungen führen ja bekanntlich zu nichts. Für uns hat sich das Durchführen einer Familienkonferenz als hilfreiches Tool herausgestellt. Grundlagen dafür hat Thomas Gordon in seinem gleichnamigen Buch “Familienkonferenz”* aufgeschrieben. Wie seine Ansichten vor allem über Aktives Zuhören und die 12 Kommunikationssperren meinen Umgang mit den Kindern geprägt haben, darüber habe ich schon gebloggt. In diesem Artikel erkläre ich, wie eine Familienkonferenz bei uns im einzelnen aussieht. 

Familienkonferenz – Zeitpunkt

Der erste wichtige Aspekt ist: ausreichend Zeit und Ruhe. Es empfiehlt sich, dass die Gemüter sich über den Streit schon wieder abgekühlt haben, damit eine klares Denken jenseits von “Du bist Schuld!” möglich ist. Unsere bevorzugte Zeit ist nach dem Abendbrot, bevor die Ins-Bett-Geh-Zeremonie anfängt. Während des Essens kann man schon mal darauf hinweisen, dass man ein Anliegen hat, über das man gleich mit allen sprechen möchte. Vielleicht fallen anderen Familienmitgliedern dann auch eigene Anliegen ein, die in der gleichen “Sitzung” besprochen werden können.

Familienkonferenz – Teilnehmer

Es ist wichtig, dass alle Familienmitglieder bei der Besprechung dabei sind. Immerhin geht es um Anliegen, die in der einen oder anderen Form alle betreffen. Wer bei der Entscheidungsfindung nicht beteiligt ist, ist hinterher oft nicht bereit, die Lösungen mitzutragen. Selbst wenn jemand keine eigenen Ideen beisteuert, ist es wichtig, dass er dem Diskussionsverlauf folgt. So hat er auch jederzeit die Gelegenheit, doch noch seine Meinung zu sagen, auch wenn ihm das anfangs nicht notwendig erschien.

Familienkonferenz – Äußere Faktoren

Es ist ratsam, in der Zeit der Besprechung ungestört zu sein. Dass das Fernsehen dabei ausgeschaltet ist, sollte selbstverständlich sein. Auch Handys oder sonstige Ablenkungen wie Spielzeuge auf dem Tisch sind kontraproduktiv. Wenn möglich sollten alle vorher ihre anderen Angelegenheiten (wie Pipi machen) erledigt haben, damit sie sich voll und ganz auf die Gesprächsthemen konzentrieren können. Das ist auch bei kleineren Kindern möglich bzw. kann eingeübt werden.

Meine Töchter waren 4 Jahre alt, als wir mit den Familienkonferenzen begonnen haben. Als Erwachsener merkt man, wenn die Konzentrationsfähigkeit bei den Kindern nachlässt. Wenn man nur ein Thema zu besprechen hat, ist das oft innerhalb von ca. 10 Minuten erledigt. Bei Themen, die die Kinder brennend interessieren und direkt betreffen, ist die Aufmerksamkeit oft auch größer.

Bei uns bin ich in den meisten Fällen der “Schriftführer“, einfach weil die Kinder noch nicht so gut schreiben können. Das heißt, dass ich die Vorschläge sammele und aufschreibe. Dafür muss vor dem Beginn Zettel und Stift bereitgelegt werden.

Familienkonferenz – Ablauf

Wenn wir uns alle um den Esstisch versammelt haben, trägt derjenige, der die Konferenz einberufen hat, sein Anliegen vor. Als Schriftführer notiere ich das Anliegen bzw .den Konflikt auf einem Zettel: In diesem Fall “Brotdosen”.

1) Bedürfnisse klären

Anders als Gordon, der direkt mit dem Konflikt und Alternativlösungen in die Entscheidungsfindung geht, halte ich diesen ersten Schritt für absolut notwendig. Erst wenn ich mir bewusst bin, um was es mir in der Konfliktsituation eigentlich geht, kann ich meine “Lieblingslösung” loslassen. Um den Raum für Alternativen zu öffnen, ist es wichtig, sich über die dahinterliegenden Bedürfnisse klar zu werden. Worum geht es bei der Frage nach den Brotdosen wirklich? Gesunde Ernährung? Unterstützung? Die Gleichverteilung der Aufgaben im Haushalt? Leichtigkeit im morgendlichen Ablauf? Selbstbestimmung? Beitragen?

Für jeden steckt unter Umständen etwas ganz anderes dahinter. Daher ist es wichtig, sein seines eigenen Anliegens bewusst zu sein und dieses klar zu kommunizieren. Wenn der Gegenüber das nicht kann, ist es legitim, sein Bedürfnis zu “erraten”. In der Reaktion bekommt man schon eine klare Rückmeldung, ob man ins Schwarze getroffen hat oder einen neuen Versuch starten sollte.

Nur auf der Bedürfnisebene können wir uns verbinden. Und dann geht es auch nicht mehr um “richtig und falsch”, “du musst aber”, “das macht man aber so”. Ziel ist es, die Bedürfnisse aller zu “unden“, also zu verbinden.

2) Ideen sammeln

Wenn die Bedürfnisse klar sind, beginnt die Brainstorming-Phase. Die konkreten Bitten oder Strategien sind Vorschläge, um sich sein Bedürfnis zu erfüllen. Hierbei ist es wichtig, dass alle Ideen kommentarlos aufgeschrieben werden, ohne Wertung oder Diskussion. Unsere Liste sah folgendermaßen aus:

  • Papa macht die Brotdose
  • Mama macht die Brotdose
  • ein Tag Papa, ein Tag Mama
  • Um Zeit zu sparen, macht Mama die Dose schon am Abend vorher fertig
  • es gibt nur noch einen Apfel und Banane mit
  • Tom macht sich seine Dose selbst
  • Anna macht die Dosen für alle

3) Ideen diskutieren

Der Lösungsvorschlag “Mama und Papa wechseln sich ab” kam von meiner großen Tochter. (Ich denke, es handelt sich hierbei um einen klassischen Kompromiss. Jeder macht Zugeständnisse und man trifft sich sozusagen in der Mitte. Dagegen ist im Prinzip nichts einzuwenden, es ist aber auch nicht optimal…) Ich habe vorgeschlagen, die Dosen schon am Abend fertig zu machen, weil das morgens Zeit spart. Tom (10) war dagegen, weil dann das Brot hart wird. Ich meinte, er könnte sich ja selbst seine Dose machen. Das fand er gut, aber dann gäbe es nur noch Toast mit Schokolade. Das hat dem Papa nicht gefallen. Dann sagte meine Kleinste (5), sie wüsste ganz genau, was in eine Brotdose gehört: Brot, Apfel, Gurke und ein Keks. Und sie schlug vor, sich ihre Dose selbst zu machen. Das haben wir so stehen lassen. Beim weiteren Überlegen sagte sie dann, sie könne ja auch die Dose für ihren Bruder machen.

In diesem Prozess fallen also einige Lösungsvorschläge weg, weil jemand ein Veto dagegen eingelegt hat. Es ist dabei wichtig, dass jede Stimme gleichermaßen zählt. Es ist unwichtig, ob das “Aber” von einem Erwachsenen oder einem Kind kommt. Sobald ein Lösungsvorschlag für ein Familienmitglied nicht tragbar ist, kann er in dieser Form nicht umgesetzt werden. Vielleicht entstehen in der Diskussion weitere Ideen, die dann mit aufgenommen werden können.

4) Gemeinsame Lösung festhalten

Der vierte Schritt besteht darin, eine Lösung zu formulieren, mit der alle einverstanden sind. Damit meine ich nicht einen (faulen) Kompromiss, sondern eine wirkliche Zufriedenheit mit dem Ergebnis. Vor allem geht es darum, dass es keine “Verlierer” gibt. Durch den gemeinsamen Entscheidungsprozess wird die Lösung von allen viel besser umgesetzt. Diese Bereitschaft ist seitens der Kinder nicht so hoch, wenn Erwachsene eine Lösung vorgeben (selbst wenn das dieselbe sein sollte, die in der gemeinsamen Diskussion auch gefunden wird)

Das Ergebnis wird auf den Zettel unter die Lösungsvorschläge notiert. Um es für die Kinder anschaulicher zu machen, kann ein kleines Bild dazu gezeichnet werden. Wir haben zum Beispiel Apfel, Gurke, Brot und Keks aufgemalt. In der Küche aufgehängt, dient der Zettel dann gleich als Erinnerungsstütze für die Kleine am nächsten Morgen. Wenn gewünscht können alle Familienmitglieder noch “unterschreiben”.

5) Umsetzung überprüfen und ggf. anpassen

Manche Lösungen erweisen sich im Laufe der Zeit als nicht so gut wie zunächst angenommen. Vielleicht gibt es individuelle Bedürfnisse, die der Vereinbarung entgegenstehen. Vielleicht haben sich einfach die Umstände geändert. Oder es stellt sich heraus, dass es sich doch um einen halbherzigen Kompromiss gehandelt hat. Wie auch immer die Gründe sind, es ist nicht sinnvoll, unter allen Umständen an der Vereinbarung festzuhalten. Stattdessen kann bei Bedarf eine neue Familienkonferenz einberufen werden.

Heute früh hat meine Tochter jedenfalls voller Freude die Brotdosen bestückt. Wir werden sehen, wie lange dieses Arrangement bestehen bleibt. Ich finde dieses Beispiel jedenfalls wunderschön: Weg vom Konflikt Papa-Mama, hin zu ganz neuen Ideen! 

Hast Du schon Erfahrungen mit dieser Form der gemeinsamen Lösungsfindung gemacht? Dann erzähl es in den Kommentaren! Oder fragst Du Dich, wie das in eurer Familienkonstellation klappen soll? Dann lass uns gern darüber sprechen!

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