„Fünf Minuten, nachdem mein Bonuskind zur Tür rein ist, sieht sein Zimmer aus wie nach einem Orkan.“
Für viele Eltern von Kindern mit ADHS (und auch ohne ;)) ist das Chaos zu Hause ein täglicher Begleiter. Besonders in Patchworkfamilien, in denen mehrere Haushalte, Regeln und Rituale zusammenkommen, kann das Aufräumen schnell zu Stress, Konflikten und Missverständnissen führen.
In diesem Artikel erkläre ich, warum Aufräumen für Kinder mit ADHS oft so schwierig ist, und gebe konkrete Tipps, wie ihr es besser in den Griff bekommt und entspannter mit dem Thema Ordnung umgehen könnt (inklusive Lieblingstipp: „tadah!“)
Warum Aufräumen bei ADHS schwerfällt
Eins gleich vorneweg: Das Chaos im Zimmer ist kein Zeichen von Faulheit oder fehlendem Respekt.
Bei ADHS steckt hinter solchen Situationen eine Mischung aus Aufmerksamkeitsproblemen, Impulsivität und exekutiven Funktionsdefiziten:
- Aufmerksamkeitsdefizit: Kinder mit ADHS verlieren schnell den Fokus (ist ja auch logisch, schließlich heißt es nicht umsonst Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung). Sie beginnen mit dem Aufräumen, werden aber von etwas anderem abgelenkt und schaffen die Aufgabe nicht zu Ende.
- Impulsivität: Sie handeln spontan und wechseln häufig zwischen Aktivitäten, ohne die vorherige abzuschließen.
- Exekutive Dysfunktion: Planung, Struktur und Organisation fallen schwer. Selbst scheinbar simple Aufgaben wie „alle Legos in die Kiste legen“ sind komplex und brauchen eine Schritt-für-Schritt-Planung.
- Motivationsproblem: Kinder mit ADHS reagieren stärker auf sofortige Belohnungen; das Aufräumen selbst ist zu langwierig, zu „trocken“ und erzeugt kaum positive Rückmeldung, daher wird die Aufgabe gerne aufgeschoben.
Diese Faktoren zusammen erklären, warum ein Zimmer schnell unordentlich wird und warum ständiges Ermahnen wenig bringt.
ADHS bedeutet, dass die Aufmerksamkeit leicht springt, die Impulskontrolle schwächer ist und die Planung von Abläufen mehr Energie kostet. Deshalb fallen Dinge wie Ordnung oder das rechtzeitige Erledigen von Aufgaben oft schwer. Deshalb lass uns direkt loslegen mit Tipps, wie das Ordnunghalten zukünftig „zum Kinderspiel“ wird.

Mach das Aufräumen so einfach wie möglich
Wenn Aufräumen für ein ADHS-Kind anstrengend ist, liegt das nicht an fehlender Einsicht – sondern fast immer an der Komplexität des Systems. Zu viele Dinge, zu viele Schritte, zu viele Entscheidungen auf einmal.
Deshalb beginnt Ordnung nicht mit Regeln, sondern mit radikaler Vereinfachung.
Ordnungs-Tipp 1: Weniger Möbel – sie werden sonst automatisch voll
Ein oft unterschätzter Punkt: Möbel ziehen Zeug an. Regale, Kommoden und Ablagen sehen leer gut aus, werden aber fast immer zu Zwischenlagern.
Je weniger Möbel im Zimmer stehen,
- desto weniger Flächen können „zugemüllt“ werden
- desto klarer ist, wohin Dinge gehören
- desto schneller ist ein Raum wieder sichtbar ordentlich
Manchmal bringt das Entfernen eines Regals mehr als jede Aufräumregel.
Ordnungs-Tipp 2: Kleidung in Schubladen statt im Kleiderschrank
Kleiderschränke mit Bügeln, Stapeln und Kategorien sind für viele ADHS-Kinder schlicht zu kompliziert.
Eine deutlich alltagstauglichere Lösung ist:
- Kleidung in Schubladen
- keine gefalteten Stapel
- einfaches Reinwerfen statt Zusammenlegen
Das Ziel ist nicht Perfektion, sondern: Kleidung kommt überhaupt wieder an ihren Platz.

Ordnungs-Tipp 3: Schreibtisch radikal vereinfachen (Tabula rasa statt Ordnungssystem)
Das Konzept Schubladen hat sich auch beim Schreibtisch bewährt. Stifte sortieren, Lineale ausrichten, Papierstapel glätten – all das kostet viel zu viel Kraft.
Der Schreibtisch ist deshalb komplett über Schubladen organisiert.
- Alle Stifte kommen in eine Schublade
- Hefte und Blätter in eine andere
- Nichts wird fein sortiert oder ordentlich gestapelt
Der Gedanke dahinter ist einfach: Was schnell weggeräumt werden kann, wird eher weggeräumt.
Nicht die Ordnung an sich ist das Ziel, sondern die niedrige Einstiegshürde.

Ordnungs-Tipp 4: Weniger Spielzeug – regelmäßig ausmisten
Je mehr Spielzeug im Raum ist, desto schneller entsteht Chaos. Nicht, weil das Kind „alles stehen lässt“, sondern weil jede zusätzliche Sache Aufmerksamkeit bindet.
Bewährt hat sich:
- nur ein Teil des Spielzeugs gleichzeitig verfügbar
- der Rest in Kisten im Keller oder Schrank
- alle paar Wochen rotieren statt alles gleichzeitig anbieten
So bleibt das Zimmer überschaubar und Aufräumen überhaupt machbar.

Extratipp: Wir haben ein Kallax im Keller stehen, so dass ganze Kisten mit Lego, Barbie, Schleich oder Bastelsachen schnell von oben nach unten und zurück wandern können.
Ordnungs-Tipp 5: Mach die Hürden so niedrig wie möglich
Ein zentraler Punkt im Alltag mit ADHS ist die Frage, wie viele Zwischenschritte eine Aufgabe eigentlich hat. Was für Erwachsene nach einer Kleinigkeit aussieht – „Bring die schmutzige Wäsche ins Bad“ – besteht für ein ADHS-Kind oft aus einer ganzen Kette von Entscheidungen, Wegen und inneren Unterbrechungen. Und genau an diesen Stellen geht Energie verloren.
Will ich das nochmal anziehen? Ist es schmutzig? Die Socken ziehe ich immer als letztes aus, bevor ich ins Bett gehe. Wann soll ich sie denn dann wegbringen? In welchen Korb gehört schwarz-weiß-gestreifte Wäsche? Hell oder dunkel? Wie lange braucht das zum Trocken? Was wenn ich es überübermorgen wieder anziehen will…
Wenn ein Kind es regelmäßig nicht schafft, seine schmutzige Wäsche ins Badezimmer zu bringen, ist das kein Zeichen von Unwillen oder Gleichgültigkeit. Sehr häufig ist der Weg einfach zu weit oder kompliziert (für das Kind! – auch wenn du selbst glaubst, es ist absolut machbar!)
Die Lösung ist dann nicht mehr Erinnerung oder mehr Ermahnung, sondern weniger Strecke. Ein Wäschekorb direkt im Zimmer kann den entscheidenden Unterschied machen. Nicht, weil das Kind es „nicht lernen soll“, sondern weil es im Alltag entlastet – für das Kind genauso wie für die Erwachsenen.

Bei Aufräumaufgaben gilt: Je weniger Entscheidungen nötig sind, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass etwas überhaupt passiert.
Ordnungs-Tipp 6: Dinge dort aufbewahren, wo sie tatsächlich benutzt werden
…und nicht dort, wo sie theoretisch hingehören.
Dieses Prinzip vom „Wäschekorb im Kinderzimmer“ lässt sich auf viele Bereiche übertragen:
- Jacken landen leichter an einem Haken (oder in einer Kiste) als ordentlich im Schrank.
- Wenn Schuhe mitten im Flur stehengelassen werden, statt ins Schuhregal gestellt werden, könnte eine einfache Matte oder ein Korb helfen.
- Zahnbürste und Zahnpasta funktionieren besser sichtbar am Waschbecken als versteckt im Schrank, wenn genau dieser Zwischenschritt regelmäßig dazu führt, dass Zähneputzen „vergessen“ wird.
- Ein Mülleimer direkt im Zimmer statt auf dem Flur
- Eine Ablage für Schulsachen direkt an der Tür
- Haken statt Kleiderbügel
Alltagstauglichkeit bedeutet nicht, dass man Ansprüche aufgibt. Es bedeutet, die Realität des Kindes ernst zu nehmen. Wenn etwas im täglichen Ablauf immer wieder scheitert, lohnt sich die Frage: Ist die Aufgabe zu schwer – oder sind die Hürden zu hoch?
ADHS-Kinder beim Aufräumen motivieren – ohne Druck und Machtkämpfe
Mit den Tipps zur Struktur sind die äußeren Voraussetzungen geschaffen, die Ordnung leichter möglich machen. Jetzt geht es um die Umsetzung.
Viele Eltern hoffen lange darauf, dass ihr Kind irgendwann „von selbst“ motiviert ist, Ordnung zu halten. Gerade bei ADHS führt das fast zwangsläufig zu Frust – nicht, weil das Kind nicht will, sondern weil Motivation hier anders funktioniert als bei neurotypischen Kindern.
Ein ADHS-Gehirn kann sehr wohl aufräumen. Es kann es sogar erstaunlich schnell. Ordnung dauerhaft zu halten, ist hingegen eine ziemlich langweilige Tätigkeit, die deshalb wenig attraktiv (weil dopaminarm) ist. Dem Gehirn fehlt nicht Einsicht oder Verantwortungsgefühl, sondern eine verlässliche innere Steuerung, wann und wofür sich eine Anstrengung lohnt. Motivation entsteht deshalb weniger aus dem Gedanken „Das wäre jetzt sinnvoll“, sondern aus klaren äußeren Strukturen, überschaubaren Zeitfenstern und einem spürbaren Danach.
Motivations-Tipp 1: Reduziere Ordnung auf wenige, klare Grundregeln
Viele Aufräumkonzepte scheitern nicht daran, dass Kinder sie „nicht ernst nehmen“, sondern daran, dass sie zu viele Anforderungen gleichzeitig stellen.
Ein ADHS-Gehirn ist schlicht überfordert, wenn Ordnung überall gelten soll – auf dem Schreibtisch, in den Regalen, auf dem Boden, in den Schubladen und am besten noch farblich sortiert. Wir haben deshalb radikal reduziert.
Es gibt bei uns nur zwei Grundregeln:
- Fensterbank frei (damit wir regelmäßig lüften können – Pubertät und so ;))
- Fußboden frei (damit man sich schmerzfrei durchs Zimmer bewegen kann – ich sag nur: Legos.)
Mehr nicht. Diese Regeln sind konkret, sichtbar und sofort überprüfbar. Und vor allem: Sie sind machbar für das Kind. (Notfalls werden eben mal kurzfristig alle Klamotten vom Fußboden auf den Sessel geworfen – fertig ;))
Alles andere darf unordentlich sein, ohne dass sofort korrigiert oder kommentiert werden muss. Dadurch entsteht kein Dauergefühl von „es ist nie genug“.
Bei euch können es andere Grundregeln sein, je nachdem, was euch wichtig ist. Vielleicht legt ihr besonders Wert darauf, dass das Bett gemacht wird oder dass der Schreibtisch leer ist? Falls ihr Stress damit habt, dass Essen oder Geschirr im Zimmer vergessen werden (das ist bei uns – zum Glück – kein Thema ;)), könnte dieser eine Punkt die Grundregel werden.
Extratipp: Nehmt euch nicht zu viel auf einmal vor, sondern überlegt (gemeinsam), welches „Minimum“ ihr festlegen wollt.
Motivations-Tipp 2: Nutze Zeit, Tempo und klare Deadlines statt Appelle
Mal ganz ehrlich: Aufräumen ist todsterbenslangweilig, langwierig und viel zu „trocken“, um intrinsisch motivierend zu sein. Ordnung als Dauerzustand funktioniert bei ADHS leider kaum. Was aber sehr wohl funktioniert, ist Ordnung kurzfristig (wieder) herzustellen.
Zeitlich begrenzte Aufräumphasen, kurze Deadlines oder kleine Wettläufe helfen dem Gehirn, überhaupt loszulegen. Nicht als Drill, sondern als Strukturhilfe.
- Schritt-für-Schritt-Aufgaben: Statt „Räum dein Zimmer auf“ lieber: „Leg alle Legos in die Kiste.“ Auch gut: Heute ist nur der Schreibtisch dran, morgen nur das Regal.
- Timer nutzen: 10 Minuten Timer – kurze, überschaubare Zeitfenster erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass Aufgaben beendet werden. „Wetten, du schaffst es nicht, bis die Zeit abgelaufen ist?!“ – wirkt!
- Spaß dabei: Natürlich darf man sich die lästige Tätigkeit so angenehm wie möglich machen und währenddessen Musik oder das spannende Hörspiel hören. Manchen Kindern hilft es auch, wenn einfach jemand mit im Zimmer ist, um weiterzumachen.
- Visualisierung: Bilder, Checklisten oder Piktogramme zeigen, was wann erledigt werden soll und machen Fortschritte sichtbar. Auch super: Ein Streak („Wie viele Tage hintereinander schaffst du es, dass abends der Boden frei ist?“) hilft, am Ball zu bleiben, um den Streak zu verlängern.
- Routinen etablieren: Gleichbleibende Abläufe morgens und abends erleichtern das Erinnern und die Struktur (aber Achtung: nicht in Langeweile abdriften lassen)
- Belohnung & Motivation: Ich bin grundsätzlich kein Fan von Wenn–dann-Konstruktionen. Sie können Druck erzeugen und Beziehung belasten. Aber hier kommt ein wichtiger Punkt: Mein Kind hat selbst gesagt, dass es sich genau diese Art von Motivation wünscht. Das ist keine Erpressung – das ist Unterstützung.
In unserem Alltag heißt das zum Beispiel:
- Wenn der Fußboden frei ist, schauen wir gemeinsam einen Film.
- Wenn du es in 10 Minuten schaffst, den Schreibtisch leerzuräumen, hast du gewonnen.
- Du darfst noch ein Hörspiel hören, während du deine Wäsche wegräumst.
Warum Motivation bei ADHS so stark über Zeit, Tempo und äußere Struktur funktioniert, darauf gehe ich an anderer Stelle ausführlicher ein. Für diesen Artikel ist entscheidend:
Wenn Aufräumen möglich werden soll, muss es aktivierend sein – nicht erklärend.

Ordnung im Patchwork: Was zusätzlich hilft
Im Patchwork kommen zusätzlich ein paar Rahmenbedingungen dazu, die Aufräumen noch schwerer machen. Die schauen wir uns im nächsten Abschnitt an.
Patchwork-Tipp 1: Erwarte keine identischen Ordnungssysteme in beiden Haushalten
In Patchworkfamilien ist Unterschiedlichkeit der Normalzustand – unterschiedliche Zimmer, unterschiedliche Geschwisterkonstellationen, unterschiedliche Tagesabläufe und oft auch unterschiedliche Prioritäten.
Genau das gilt auch für das Thema Ordnung. Was im einen Haushalt wichtig ist, spielt im anderen vielleicht eine deutlich kleinere Rolle, und das ist erst einmal weder falsch noch problematisch. Für ADHS-Kinder wird es jedoch belastend, wenn sie zwischen zwei Haushalten nicht nur wechseln, sondern innerlich ständig vergleichen oder sich rechtfertigen müssen.
Hinzu kommt ein Punkt, der für viele Bonuseltern besonders schwer auszuhalten ist: Das andere Elternteil hat eigene Vorstellungen von Ordnung – und darauf haben wir oft keinen Einfluss. Das anzuerkennen heißt nicht, alles gut zu finden, sondern zu akzeptieren, dass wir nicht alles steuern können.
Entlastend wird es dann, wenn der Fokus weggeht von der Frage „Warum läuft das dort so anders?“ und hin zu der Frage: „Was braucht dieses Kind hier bei uns, damit Ordnung machbar bleibt?“ Unterschiedliche Systeme sind kein Erziehungsfehler, sondern eine Realität im Patchwork – und für Kinder oft leichter zu bewältigen als der ständige Versuch, zwei Welten gleich zu machen.
Patchwork-Tipp 2: Ordnung braucht patchwork-taugliche Lösungen
Im Patchwork stellt sich die Frage nach Ordnung oft ganz konkret und ganz pragmatisch: Muss das Zimmer aufgeräumt werden, bevor das Kind wieder ins andere Zuhause geht? Oder lassen wir es liegen – mit dem Wissen, dass es beim nächsten Besuch erst einmal genauso chaotisch weitergeht, wie es aufgehört hat?
Hier gibt es kein richtig oder falsch, aber es hilft, die Entscheidung bewusst zu treffen. Für viele ADHS-Kinder ist ein komplett chaotisches Zimmer nach mehreren Tagen Abwesenheit eine enorme Einstiegshürde. Sie kommen an, sind ohnehin schon mit dem Übergang beschäftigt – und stehen dann zusätzlich vor einem Berg aus Unordnung, der innerlich sofort Überforderung auslöst. In solchen Fällen kann es tatsächlich entlastend sein, vor der Abreise zumindest eine grobe Ordnung herzustellen: Fußboden frei, Fensterbank frei, offensichtliches Chaos reduziert. Nicht aus Prinzip, sondern als freundlicher Startpunkt für das nächste Ankommen.
Ein weiterer oft unterschätzter Aspekt ist das ständige Hin- und Herschleppen von Dingen. Patchwork-Kinder leben mit mehreren Zahnbürsten, mehreren Kleidersätzen, Schulmaterialien, Sportsachen, Ladekabeln, Lieblingspullis und Kuscheltieren – und müssen dabei permanent entscheiden, was wohin gehört und was sie diesmal brauchen. Für ein ADHS-Gehirn ist das eine echte Dauerbelastung. Vereinfachung ist hier der größte Hebel: doppelte Ausstattung in beiden Haushalten, feste Dinge, die immer dort bleiben dürfen, und klare Regeln, was wirklich transportiert werden muss – und was nicht. Je weniger das Kind gedanklich organisieren muss, desto eher gelingt auch äußere Ordnung.
Patchwork-Ordnung funktioniert dann gut, wenn sie nicht perfekt, sondern realistisch ist. Sie orientiert sich nicht an Idealvorstellungen, sondern daran, wie viele Übergänge, Systeme und Erwartungen ein Kind tatsächlich gleichzeitig tragen kann.
Checkliste: Ordnung im Patchwork alltagstauglich gestalten
Diese Fragen helfen dir, Ordnung nicht als Ideal, sondern als realistische Unterstützung für dein ADHS-Kind zu denken:
1. Was muss wirklich vor dem Wechsel aufgeräumt werden?
Nicht das ganze Zimmer, sondern nur das, was beim nächsten Ankommen überfordert: freier Fußboden, freie Fensterbank, grobes Chaos reduziert.
2. Wo startet das Kind beim Wiederkommen – mit Entlastung oder mit Überforderung?
Ein komplett verwüstetes Zimmer kann für ein ADHS-Kind wie eine unüberwindbare Wand wirken. Ein halbwegs sortierter Startpunkt erleichtert das Ankommen enorm. Andererseits sollte sich das Zimmer auch nach „Zuhause“ anfühlen und nicht wie in einem Möbelkatalog.
3. Welche Dinge müssen ständig zwischen den Haushalten pendeln – und welche könnten doppelt vorhanden sein?
Je weniger transportiert werden muss, desto weniger Organisation braucht das Kind im Kopf.
4. Gibt es feste Dinge, die immer in diesem Haushalt bleiben dürfen?
Zum Beispiel Kleidung, Ladegeräte, Schulmaterial oder Pflegeprodukte. Das schafft innere Ruhe.
5. Sind Ordnungssysteme hier wirklich einfach – oder nur logisch für Erwachsene?
Schublade auf, Zeug rein, fertig funktioniert oft besser als Kisten, Beschriftungen und Sortierlogik.
6. Sind die Erwartungen in diesem Haushalt klar – unabhängig davon, wie es im anderen läuft?
Patchwork bedeutet unterschiedliche Regeln. Ordnung darf hier kein Vergleichsmaßstab sein.
7. Wird Unordnung als Überforderung gelesen – oder als Beziehungsaussage?
Diese Unterscheidung ist zentral, gerade für Bonuseltern.
Patchwork-Tipp 3: Ordnung ist kein Loyalitätstest
Gerade als Bonusmama erlebst du Unordnung vermutlich nicht nur als praktisches Problem, sondern als etwas zutiefst Persönliches. Ein chaotisches Zimmer, liegengebliebene Kleidung oder achtlos verteilte Dinge fühlen sich schnell an wie eine Aussage über die Beziehung: Nimmt mich dieses Kind nicht ernst? Ist ihm egal, wie es mir damit geht? Gehört ich hier überhaupt wirklich dazu?
Diese Gedanken sind verständlich, vor allem in einem Familiensystem, in dem Zugehörigkeit nie ganz selbstverständlich ist. Ich sage es deshalb nochmal ganz deutlich: Für ADHS-Kinder hat Unordnung in den allermeisten Fällen nichts mit Respektlosigkeit oder Ablehnung zu tun. Sie ist Ausdruck von Überforderung, von fehlender innerer Struktur und von einem Nervensystem, das mit Übergängen, Reizen und Prioritäten ohnehin schon genug zu tun hat.
Wenn Chaos als Beziehungsaussage gelesen wird, entsteht zusätzlicher Druck – für das Kind und für dich. Entlastend wird es, wenn klar benannt werden darf: Unordnung ist kein Loyalitätstest. Sie sagt nichts darüber aus, wie wichtig du diesem Kind bist, sondern nur darüber, wie viel gerade gleichzeitig in ihm los ist.
Im Patchwork eskaliert Ordnung oft über Sprache.
Strukturen helfen mehr als Erklärungen – besonders, wenn Kinder zwischen Systemen pendeln.
Mein bester Tipp zur eigenen Entlastung: Tadah!
Es ist wichtig, sich klarzumachen: Unordnung ist kein Versagen – weder von dir als (Bonus)Mama, noch deinem Mann, seiner Ex und dem Kind. Wenn du die Abläufe entspannt gestaltest, Routinen einführst und Humor zulässt, fällt der Alltag leichter.
Klar willst du mehr Ordnung, aber das wird nicht immer klappen. Deshalb geht es zuallererst darum, dass du selbst entspannt und locker bleibst. Denn Druck erzeugt bloß Gegendruck und dann klappt gar nichts mehr. Deshalb kommt jetzt mein bester Tipp für mehr Entspannung.
Im Französischen heißt ADHS Trouble deficit de l’attention/hyperactivité – kurz TDAH. Klingt fast wie das „tadah!“ im Zirkus. Und genau diesen Moment, wenn das Kind typisches ADHS-Verhalten zeigt – sei es ein unordentliches Zimmer, vergessene Dinge oder alles auf einmal – feiern wir jetzt mit einem „tadaaaah!“ (stell dir hier bitte den typischen Zirkus-Tusch vor).

„tadah!“ Manchmal sagt es die Schwester, manchmal das Kind selbst, und dann lachen wir alle gemeinsam. Dieser kleine, humorvolle Moment nimmt Druck raus, schafft Entlastung – und lässt die Situation sofort weniger persönlich und weniger belastend wirken.
Zu erkennen, dass Unordnung oder Unkonzentriertheit keine Ablehnung sind, schützt vor Überforderung. Mit einem kleinen „tadah!“ kann man die Situation entschärfen, das Kind entlasten und selbst ein bisschen loslassen.
Probier es aus! Und schreib mir deinen Tadah-Moment in die Kommentare!


