Am Samstag wird bei uns im Schlafanzug gefrühstückt – damit ist sofort klar, es ist Wochenende! Manchmal gucken die Kinder danach fern, nach wochenlangen Peppa-Wutz-Folgen steht grad Mia&me hoch im Kurs. Abends gibt es standardmäßig das Sandmännchen und für den Großen pur+. Wir haben die Fernsehzeit pro Tag darauf limitiert, weil wir festgestellt haben, dass die Stimmung sonst oft gereizt wird. Mit der Sendung am Vormittag und dem Sandmännchen am Abend war das Tagesbudget sozusagen ausgeschöpft. Als ich Tom am Abend dennoch vor dem Fernsehen sitzen sehe, muss ich mich entscheiden: Ziehe ich “konsequent”, strikt und stur die Ansage “Heute kein Fernsehen mehr!” durch oder gehe ich in Beziehung und rede mit ihm? Ich weiß ganz genau, wenn ich jetzt einfach ausschalte, gibt es Unfrieden und einen großen Wutanfall. In meinen Augen wäre dieses Verhalten meinerseits auch nicht liebevoll sondern übergriffig. Ich drücke auf Pause, Tom schaut mich an. Ich sehe, dass er weiß, was “eigentlich” vereinbart war. Ich höre, was er möchte: Die Sendung noch zu Ende schauen. Hinterher würde er auch noch etwas lesen üben. Ich stimme zu. Danach geht er ohne Probleme in sein Zimmer, liest noch wie versprochen und schläft ein. Wir haben einen friedlichen, harmonischen Abend.

In Erziehung steckt “ziehen” – dabei weiß doch jeder, dass das Gras davon auch nicht schneller wächst… 

Erziehungsratschläge gab es schon bei den antiken Philosophen und sogar auf ägyptischen Steintafeln. Der Schweizer Pädagoge und Schulreformer Johann Heinrich Pestalozzi veröffentlichte 1801 den Elternratgeber “Wie Gertrud ihre Kinder lehrt”, zur gleichen Zeit entstanden weitere pädagogische Bücher für das gehobene Bürgertum. Bis ins 20. Jahrhundert war das Ziel von Erziehung, das Kind dazu zu bringen, in der Welt zu “funktionieren”. Hauptzielsetzung war dabei die Unterordnung unter die “Respektspersonen”, die sich den Respekt teilweise mit Schlägen und Beschimpfungen einforderten. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es erste Reformen unter anderen durch die Erkenntnisse von Sigmund Freund, die allerdings durch den Nationalsozialismus beendet wurden. Dr. Johanna Haarers “Die Deutsche Mutter und ihr erstes Kind” war einer der populärsten Mütter-Ratgeber der NS-Zeit, dessen Folgen auf Generationen von Kriegskindern und Nachkriegskindern bis heute nicht abzuschätzen sind. Disziplin, Gehorsam und Fügsamkeit waren die wichtigsten Werte. Ende der 1960er Jahre kamen durch die Hinwendung der 68er-Generation zur Pädagogik Antiautoriäre Erziehungskonzepte (“laissez faire”) auf. Seit Mitte der 90er Jahre gibt es zum einen den lauter werdenden Ruf zurück zu mehr Disziplin (“Warum unsere Kinder Tyrannen werden”), auf den anderen Seite aber auch Familienberatung und Elternbildung in Richtung einer bedürfnisorientierten Erziehung.

Diese neueren Konzepte legen ein grundsätzlich anderes Menschenbild zugrunde. Anstatt Kinder als unfertige und unfähige Erwachsene anzusehen, die ohne Erziehung unmöglich zu anständigen Staatsbürgern heranwachsen können, nimmt man sie wahr als perfekt ausgestattete Babys, (die wissen, wie sie dafür sorgen, etwas zu essen zu bekommen), Dreijährige, (die alle Fähigkeiten haben, um die Welt zu erkunden und wieder ins sichere Nest zurückzukommen) oder Achtjährige, (die immerzu spielen wollen, um möglichst viel zu lernen). In Deutschland gilt der Grundsatz der Gleichberechtigung unabhängig von Rasse, Geschlecht oder Herkunft. Gleichzeitig gibt es als Phänomen der Alltagsdiskriminierung den so genannten “Adultismus”, also die Diskriminierung von Kindern und Jugendlichen aufgrund ihres Alters. Natürlich orientieren sich Kinder an ihren Eltern und anderen Erwachsenen als Vorbilder und wollen und sollen von diesen auch lernen. Für mich ist der Grundsatz der Gleichwertigkeit aber entscheidend. Die Bedürfnisse, Gefühle und Wünsche von Kindern sind genauso wichtig und müssen genauso berücksichtigt werden wie die der Eltern.  Auf dieser grundlegenden Annahme der Gleichwertigkeit kann die Beziehung zwischen Eltern und Kindern erst gedeihen.

Was wäre die Lektion aus der Fernseh-Geschichte gewesen? Regeln müssen unter allen Umständen eingehalten werden? Das lernt Tom schon zu Genüge in der Schule! Ich habe ihm versucht zu vermitteln, großzügig zu sein, nicht auf sein Recht zu pochen und anderen einfach so etwas zu geben, was diese sich wünschen. Vielleicht zeigt sich der Erfolg davon bei der nächsten Anfrage seiner Schwester, ob sie mit seinen Autos spielen darf…

Wenn Menschen Liebe gepredigt wird, dann lernen sie nicht lieben, sondern predigen. – Alice Miller

PS: Wenn du über diesen Artikel diskutieren möchtest, bist du herzlich willkommen in unserer Facebookgruppe!