Die Geschichte mit dem CD Player hat mir einen kleinen Einblick gegeben, wie es in Tom aussehen mag. Ich stelle mir einen schüchternen Jungen vor, der in einer Ecke sitzt, die Knie angezogen, die Arme um seine Beine geschlungen, den Kopf darauf abgelegt. Ganz klein, zusammengekauert, unsicher. Um sich herum hat er eine Mauer aufgebaut, die ihn beschützen soll. Darauf sind große Graffitis von tollkühnen Taten, die er ohne Anstrengung vollbringt. Ein Siegertyp. Das ist das Bild, was die Menschen von außen sehen sollen, und was er auch selbst von sich sehen mag. Ich kann alles! Ich bin groß! Ich brauche niemanden! Und wer sollte sich schon um den kleinen Kerl in der Ecke bemühen wollen?

In seinem Buch “Das kompetente Kind” prägt Jesper Juul die Unterscheidung zwischen Selbstgefühl und Selbstvertrauen. Das Selbstvertrauen bezieht sich auf das, was wir können. Es ist das Überzeugtsein von unseren Fähigkeiten, das nach außen sichtbar wird – sozusagen die Mauer mit den Graffitis. Das Selbstgefühl hingegen ist der innere Kern, wer wir sind. Wer ein gutes Selbstgefühl hat, ruht in sich, fühlt sich wohl in seiner Haut und zeigt dies ganz automatisch im selbstbewussten Auftreten nach außen.

Ein Beispiel: Ein Mensch mit einem guten Selbstgefühl möchte Klavier spielen lernen. Er bekommt es aber aus mangelndem Talent nicht gut hin. Daraufhin denkt er sich: “Na gut, das ist eben nicht meins. Dann suche ich mir besser ein anderes Hobby.” Ein Mensch mit einem geringen Selbstgefühl, der das Klavierspielen nicht meistert, zweifelt sofort an seinem ganzen Ego. “Ich bin so doof, nichts kriege ich hin, keiner mag mich.” Um sich davor zu schützen, überspielt er diese Gefühle, indem er sagt: Klavierspielen ist sowieso blöd! 

Selbstvertrauen aufzubauen ist keine große Kunst, ganze Regalmeter an Selbsthilfeliteratur widmen sich diesem Thema. Positive Bestärkung, “Lob fördert”. Viele denken, dass sie das Selbstwertgefühl des Kindes mit Lob und Belohnungen erhöhen können, dabei ist das Gegenteil der Fall. Lob kommt immer als Bewertung von oben, das widerspricht einer gleichwertigen Beziehung. Kinder möchten stattdessen einfach nur gesehen werden und für andere wertvoll sein. Mit Lob für Geleistetes erreiche ich außerdem nur die äußere Schicht des Selbstvertrauens. Solange das Selbstgefühl aber verkümmert bleibt, hilft einem das langfristig im Leben nicht wirklich weiter, da die Basis fehlt, das Selbstvertrauen substanzlos und daher zerbrechlich bleibt.

Ich möchte meinen Kindern vermitteln: Du bist gut, egal was du leistest. Ich habe dich lieb, ohne Bedingungen an dich zu stellen, ohne dass du dir diese Liebe verdienen musst. Ich hoffe, dass mir das gelingt…

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