Das Titelthema der ZEIT Nr. 32/2018 vom 02.08.2018 ist ein sehr langer Artikel über Patchwork-Familien. (Der Artikel ist aktuell im Zeitungsarchiv kostenlos verfügbar). Ich freue mich darüber, dass dieses Thema damit einen öffentlichen Raum bekommt. Denn nach der dort zitierten Statistik leben je nach Quelle zwischen 7 und 13 Prozent der Familien in Deutschland in diesem Modell, vermutlich noch mehr. Fast ein Viertel der Eltern habe Kinder aus einer früheren Beziehung. Und unsere komplexen Lebens- und Familienformen seien mit den üblichen Messinstrumenten nicht mehr zu erfassen. Diese Zahlen machen deutlich, dass das Leben als Patchworkfamilie längst keine Nische mehr ist sondern breite Realität. Es ist daher gut und wichtig, darüber in der Gesellschaft zu sprechen, auch damit das Bild der “bösen Stiefmutter” endlich der Vergangenheit angehört. Dennoch hat mich die Lektüre des Artikels traurig und nachdenklich gestimmt. Sollte eine glückliche Patchwork-Familie tatsächlich illusorisch sein?

Zum Inhalt

Unter der Überschrift “Kann das gut gehen?” und der Einleitung “Patchworkfamilien führen ein Leben zwischen Hoffnung und Verzweiflung – Ein Spagat, der Eltern und Kindern alles abverlangt” werden die Situation und Probleme einer Familie mit 5 Kindern, drei von ihr, zwei von ihm, beschrieben, die sich in den Jahren ihrer Beziehung 14 mal getrennt haben. Die Tochter macht ihrem Vater den Vorwurf: “Du hast uns alleingelassen.” Die Stiefschwester sieht sich als “Patchwork-Opfer”. Die Eltern stecken viel “Arbeit” rein und bemühen sich, mit Hilfe eines Flipcharts zu klären, wie sie zusammen leben wollen. Es kommt ein weiterer Vater zu Wort, der “sich nicht aussortieren lassen” will und am Wochenende 570 km weit fährt, um seinen Sohn zu treffen. Eine Psychologin sagt, man könne “als Elternteil unmöglich alle Bedürfnisse im Blick behalten und schon gar nicht befriedigen.”

Daraufhin folgen kurze Beiträge aus anderen Familien: Eine Mutter, die sich über das Verhalten ihrer Stieftöchter beschwert; diese würden sich aufgrund der Erziehung durch ihre leibliche Mutter ungesund ernähren und nicht duschen. Ein Vater, der seine Kinder vermisst, wenn sie bei ihrer Mutter sind und unter der Trennung leidet, sich aber nicht traut, das offen zu sagen. Eine Stiefschwester, die die Beeinflussung ihrer Mutter durch die strengen Regeln und Strafen durch den Stiefvater beklagt. Eine Großmutter, deren Tochter den Kontakt zur Enkelin unterbindet, seitdem sie einen neuen Partner hat. Abgerundet wird der Bericht mit einem Interview mit Remo Largo, der weder die Kleinfamilie noch Patchwork favorisiert, sondern sich für größere Gemeinschaften und Mehrgenerationenprojekte ausspricht.

Mein Eindruck

Beim Lesen bin ich immer wieder über negative Begriffe gestolpert: Tragödien, Scham, Zerreißproben, beißende Eifersucht, Überforderung, Stress, fehlende Anerkennung, Angst, Kompromisse, Vorwürfe, Schlachten, Kampf. Ich finde vor allem die kriegerische Bezeichnung von Fronten und Gegnern unfassbar traurig, da diese Haltung nicht zu einem offenen Umgang auf Augenhöhe führen kann. Die Erfahrungsberichte im Artikel sind entmutigend und frustrierend. Die positiven Einschätzungen einiger Prominenter werden als Idealisierung abgetan. Da kann auch die Aussage von Remo Largo über seine eigene Patchwork-Erfahrung – “Deshalb weiß ich, dass es gut gehen kann aber extrem anstrengend ist” – den negativen Eindruck nicht mehr rausreißen.

Bettina R. schreibt mir:

Ganz ehrlich: Selbst ich, die ich recht fest im Leben stehe und mit unserer aktuellen Lebenssituation im Reinen bin, hatte nach dem Artikel fast ein schlechtes Gewissen, dass wir unseren Kindern das zumuten.

Ich stelle mir daher die Fragen:

An wen richtet sich der Artikel? Und was will er bezwecken?

Wie eingangs beschrieben finde ich es gut und wichtig, die vielfältigen Lebensmodelle und Schwierigkeiten von Patchwork-Familien in der Gesellschaft bekannter zu machen. Denn wie so oft kann man sich bestimmte Probleme schlecht vorstellen, solange man sie nicht selbst erlebt hat. Unter diesem Aspekt leistet der Artikel ein Stück Aufklärungsarbeit. Für Patchworker selbst sind die beschriebenen Probleme jedoch hinlänglich bekannt. Was aber in dem Artikel überhaupt nicht vorkommt, sind konkrete Möglichkeiten, wie es denn besser klappen kann. Der Ruf, dass die Politik dringend etwas tun muss, reicht für den einzelnen Betroffenen meiner Meinung nach nicht aus.

Es werden keine Lösungsansätze aufgezeigt

So unterschiedlich die Lebenssituationen der Menschen mit ihren individuellen Erlebnissen sind, eines haben sie alle gemeinsam: Sie sind schrecklich unglücklich und schaffen es nicht, eine Lösung zu finden. Diese Verzweiflung betrifft jede Position im Geflecht, die Stiefmutter, die Exfrau, den leiblichen Vater, die Kinder, Stiefkinder, ja selbst die Großmutter. Es besteht die Tendenz, einen Sündenbock zu suchen, der für das eigene Leiden verantwortlich ist. Aber Schuldzuweisungen helfen nicht weiter.

Ja, das Leben in einer Patchworkkonstellation ist nicht leicht. Aber was heißt das schon? Jede Familie, egal wie klein oder groß, hat ihre Probleme, seien es Krankheiten, Schulstress, Gewalt, Vernachlässigung, Überbehütung, Leistungsdruck oder Überforderung der Eltern. Gibt es in klassischen Familien keinen Streit? Doch, natürlich gibt es den. Und dieser führt laut Artikel dazu, dass mehr als die Hälfte von 10.000 befragten Kindern sagen, sie fühlten sich ziemlich oder sehr schlecht. Das Problem ist aber nicht die Patchworksituation, das Problem ist die Unfähigkeit, der beteiligten Personen, ihre echten Gefühle auszudrücken.

Als naiv belächelt wird im Artikel auch der “Glaube an die Kraft der Liebe”. Es ist richtig, dass nicht alles problemlos läuft, wenn man sich nur genug liebt. Einen bedürfnisorientierten Familienalltag zu gestalten ist harte Arbeit – und das nicht nur in Patchworkfamilien. Ich bin jedoch davon überzeugt und weiß aus meiner eigenen Erfahrung, dass es möglich ist, auch mit einer Exfrau, die völlig andere Erziehungsansichten hat, auch nach unschönen Gerichtsverhandlungen und auch mit “schwierigen” Bonuskindern ein glückliches Familienleben aufzubauen, das vor allem von einem wertschätzenden Umgang untereinander geprägt ist. Die Grundlage dafür ist die Haltung der Gewaltfreien Kommunikation.

Gewaltfreie Kommunikation als Lebenshaltung

Wage ein liebevolles Menschenbild: Jede Handlung von jedem Menschen dient dazu, sich ein Bedürfnis zu erfüllen und jeder Mensch handelt zu jedem Zeitpunkt so gut, wie er es aufgrund seiner Lebenserfahrung vermag. Wir alle teilen und kennen dieselben Bedürfnisse. Statt den anderen mit Erwartungen zu überfordern, fang bei dir selbst an. Frage dich, welches Gefühl in dir lebendig ist und was du brauchst, das dein Leben bereichern würde. Statt dich als Opfer der Umstände oder der “gemeinen” Ex zu sehen, übernimm Verantwortung für deine Gefühle. Es geht darum, deine Bedürfnisse und Gefühle ehrlich und ohne jegliche Kritik zu kommunizieren und gleichzeitig die anderer Menschen aufmerksam wahrzunehmen. Nur so entstehen tragfähige authentische Beziehungen, und auf dieser Basis können Konflikte wertschätzend gelöst werden.

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Wenn du dich nicht mehr länger als Opfer fühlen, sondern dein Glücklichsein selbst in die Hand nehmen willst, komm in meine Facebookgruppe! Gern begleite ich dich auf deinem Weg hin zu einem harmonischen und glücklichen Patchwork-Familienleben.