Wie Mütter und Stiefmütter sich die Hände reichen können

Dieser Artikel erschien zuerst in der Zeitschrift “Empathische Zeit” 4/18. Du kannst die aktuelle Ausgabe mit dem Thema “Loslassen” hier bestellen.

Das Verhältnis zwischen Stiefmutter und leiblicher Mutter ist oft von Neid, Eifersucht ja sogar Hass geprägt. Grund dafür ist ein fehlendes Loslassen auf beiden Seiten: Die Mutter will oder kann ihre Kinder nicht emotional gehen lassen, die Stiefmutter kann Ihre Vorstellungen von Erziehung, ihr Idealbild einer Mutter – die nämlich ihre Kinder auf gar keinen Fall weggeben würde, was sie automatisch zu einer schlechten Mutter macht – nicht loslassen. Loslassen ist also hier der Schlüssel, der eine Beziehung auf Augenhöhe zwischen diesem sehr entfernt voneinander stehenden Positionen überhaupt erst möglich macht.

Wer ist die bessere Mutter?

Mir fällt hier die Geschichte “Der kaukasische Kreidekreis” von Bertold Brecht ein. Darin streiten sich zwei Frauen um ein Kind, die leibliche Mutter und die Magd, bei der das Kind aufgewachsen ist. Der weise Richter soll entscheiden, welcher Frau das Kind zugesprochen wird. Er ordnet an, den Beweis der Mutterschaft durch ein Experiment zu erbringen. Dazu lässt er das Kind in einen Kreidekreis stellen und fordert beide Frauen auf, gleichzeitig zu versuchen, das Kind zu sich aus dem Kreis herauszuziehen. In dieser Geschichte lässt die Ziehmutter das Kind voll Mitleid los. Hierdurch erweist sie sich als die „wahrhaft Mütterliche“, die ihr Kind liebt und es lieber loslässt, als ihm weh zu tun. Es gibt aber auch eine ältere Version dieser Legende, in der der leiblichen Mutter das Sorgerecht zugesprochen wird, da sie das Kind im entscheidenden Augenblick loslässt.

Mir geht es nicht darum zu entscheiden, wer die “bessere Mütterliche” ist, sondern darum zu zeigen, dass Loslassen ein Akt der Liebe ist. Das Bild des Kreidekreises kann sehr gut auf die Situation in einer Patchworkfamilie angewendet werden. Kinder leiden unter dem Gezerre von beiden Seiten. Die Stiefmutter steht entweder zusammen mit dem leiblichen Vater auf einer Seite oder der Vater steht unschlüssig am Rand und weiß nicht, was er tun soll. Im Grunde ihres Herzens wollen alle Beteiligten, dass es dem Kind gut geht. Leider stehen Eifersucht, Neid und Habgier dem oft im Weg. In meiner Arbeit mit Patchworkfamilien fallen immer wieder Sätze wie: “Die Kindsmutter manipuliert das Kind und hetzt es gegen uns auf!” oder “Die Stiefmutter steckt sich in alles rein und überschreitet ihre Kompetenzen. Dabei ist sie doch nicht die echte Mutter!”

Das stimmt. Als neue Frau an Papas Seite tue ich gut daran, der Mutter ihren Platz nicht streitig machen zu wollen. Dennoch hat jeder Erwachsene, der Zeit mit einem Kind verbringt, einen Einfluss auf seine Entwicklung. Was ich dem Kind vorlebe, wird das Kind auch übernehmen. Deshalb ist es so wichtig, dem Kind zu vermitteln, dass es hier nicht um einen Kampf geht, bei dem nur einer gewinnt. Vielmehr sitzen alle in einem Boot, wie es so schön heißt, und steuern auf ein gemeinsames Ziel zu. Dieses ist ein harmonisches und glückliches Familienleben für alle Beteiligten.

Loslassen bringt Gelassenheit

In der deutsche Sprache gibt es den Ausdruck “nachtragend sein”, wenn jemand einem anderen ein Vergehen nicht verzeiht. Doch was bedeutet “jemandem etwas nach-tragen” denn eigentlich? Ich schleppe mich mit einer Last ab, während der andere fröhlich vorneweg hüpft und sich irgendwann nicht mal mehr zu mir umdreht und dafür interessiert. Diese Last “be-lastet”, sie zieht mich nach unten, beschwert mich, bedrückt mich. Es ist meine Entscheidung, ob ich weiter daran tragen möchte oder doch lieber loslasse. Wenn wir auf jemanden wütend sind oder mit einer Geschichte aus der Vergangenheit hadern, bestrafen wir uns nur selbst. Zu verzeihen und vergeben zu können, ist die Grundlage für unser seelisches Wohlbefinden. Wenn ich loslasse, wird es mir leichter.

Das ist natürlich leichter gesagt als getan. Loslassen ist eine schwere Aufgabe. Bei dieser kann uns die Gewaltfreie Kommunikation helfen. Wenn ich mich nicht von Neid und Habgier steuern lasse, sondern darauf schaue, worum es mir eigentlich geht, komme ich weiter. Was könnte das unerfüllte Bedürfnis sein, das dazu führt, dass an der Strategie des Nicht-Loslassens so stark festgehalten wird? Ich komme hier in meinem Beratungsgesprächen sehr oft auf zwei Bedürfnisse: Selbstwirksamkeit und Vertrauen.

Bedürfnisse: Selbstwirksamkeit und Vertrauen

Selbstwirksamkeit bedeutet, dass meine Handlungen einen unmittelbaren Einfluss auf die nachfolgenden Ereignisse haben. Gerade bei der Kindererziehung ist dies meiner Erfahrung nach ein stark vorherrschendes Motiv, das Eltern antreibt. Wir wollen unsere Werte weitergeben. Wir wollen unsere Kinder stark und erfolgreich machen. Wir wollen dafür sorgen, dass sie ein glückliches Leben führen können. All diese Fähigkeiten sollen auf unseren Einfluss und unsere Erziehungsbemühungen zurückgeführt werden. Das ist die Bestätigung und Wertschätzung, die wir als Eltern bekommen können. Auf der anderen Seite steht das Bedürfnis nach Vertrauen. Wenn ich mein Kind ziehen lasse, brauche ich dafür die Gewissheit und den unerschütterlichen Glauben, dass, auch wenn ich meinen Einfluss verringere, die Entwicklung des Kindes in positiver Weise erfolgen wird.

Nun da ich mir dessen bewusst, bin kann ich überlegen welche Strategien ich für meine Bedürfniserfüllung anwenden kann. Meine Lieblingslösung als leibliche Mutter – nämlich dass die neue Frau aus seinem Leben verschwindet oder zumindest keinerlei Einfluss auf mein Kind nimmt – sollte ich schnellstmöglich verwerfen, wenn ich glücklich werden will. Wenn ich anerkenne, dass die Stiefmutter meinem Kind auch wohlwollend gegenübersteht und sogar dieselben Bedürfnisse teilt wie ich sie habe, ist das die Basis, auf der eine Zusammenarbeit und eine Beziehung auf Augenhöhe möglich wird.

Meine Erfahrung als Stiefmutter

Als Stiefmutter kann ich sagen, dass das Bedürfnis Selbstwirksamkeit für mich in der Beziehung zu meinem Stiefsohn eines der größten war. Ich erinnere mich sehr gut, wie ich in einem eigenen GFK-Prozess dieses Bedürfnis ergründet habe. Damals war mein Thema, dass mein Bonuskind sehr viele Schimpfwörter benutzt hat. Ich habe das sehr auf mich bezogen. Ich drehte mich die ganze Zeit um die Frage, wie bekomme ich ihn dazu, damit aufzuhören. Mein Gedanke war “Er ist schuld, dass ich jetzt sauer bin, weil er mich beschimpft hat.” Das wollte ich durchbrechen.

Ich stand also auf dem Bodenanker und fragte mich: Was für ein Gefühl steckt hinter meiner Wut? Plötzlich habe ich gemerkt, dass ich wahnsinnig erschöpft bin. Dann kamen wir weiter zu dem Bedürfnis. Der für mich völlig neue Begriff Selbstwirksamkeit wurde genannt. Ja, ich möchte, dass meine Erziehungsbemühungen und alles, was ich investiere, ein Ergebnis liefern. Da habe ich gemerkt, dass meine Bewertung “Er beleidigt mich immer wieder” zu dem Gedanken führten, dass ich nicht gut bin in dem, was ich tue. Dann sagte jemand aus der Gruppe: “Naja, aber bei Erziehung ist es doch klar, dass man erst in zehn oder zwanzig Jahren sieht, ob man damit Erfolg gehabt hat.” Das war für mich wirklich eine Befreiung. Meine Strategie “Wenn er keine Schimpfwörter mehr benutzt, dann war ich erfolgreich”, konnte ich daraufhin loslassen.

Die Schuldfrage zu klären hilft nicht weiter

Ist es ein Erziehungsversagen der leiblichen Mutter, wenn das Kind Schimpfwörter benutzt? Ist der allzu großzügige Wochenendpapa die Ursache dafür, dass das Kind plötzlich ständig nach Geschenken fragt? Hat die Stiefmutter Schuld daran, dass das Kind abends nicht alleine einschlafen will? Das Leben in einer Patchworkfamilie ist nicht leicht. Es besteht die Tendenz, einen Sündenbock zu suchen, der für das eigene Leiden verantwortlich ist. Aber Schuldzuweisungen helfen nicht weiter. Besser ist es, nach Lösungen zu suchen – und zwar so, dass die Bedürfnisse aller befriedigt werden.

Egal, welche Position ich in der Familienkonstellation einnehme, ich habe es in der Hand, den ersten Schritt zu tun: Vorwürfe, Beschuldigungen und Vorverurteilungen loszulassen und auf die Bedürfnisse zu schauen. Zunächst auf mein eigenes, und wenn meine “Schale gut gefüllt ist” und ich die Kraft dafür habe, auf das der anderen. In der Position der Stiefmutter kann ich das Bedürfnis stellvertretend empathisch für die Kindsmutter finden, falls diese nicht dazu in der Lage ist – und andersrum. Hierbei kommt es vor allem auf deine Haltung an. Ist sie wohlwollend und von wirklichem Interesse geprägt? Leider wurden viele Menschen in ihrem Leben bisher nicht gefragt, was ihre Bedürfnisse sind. Ihnen fehlt die Erfahrung, dass jemand gern freiwillig etwas zu ihren Wohlergehen beiträgt. Entsprechend reagieren sie skeptisch und ablehnend. Bist du wirklich der Überzeugung, dass sie aus guten Gründen handelt und möchtest du neugierig-helfend ihre Bedürfnisse erkennen? Deine Haltung ist die Basis für eine Beziehung auf Augenhöhe.

Lass los, und du hast die Hände frei. Erst dann kannst du diese der anderen Person entgegenstrecken.