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Als Eltern haben wir Macht über unsere Kinder 

Schon allein körperlich sind wir ihnen überlegen. Wir können sie strampelnd im Buggy anschnallen oder sie einfach hochheben und wegtragen, um vom Spielplatz nach Hause zu gehen. Wenn sie weglaufen wollen, halten wir sie eben am Arm fest.

Wir haben auch die Macht, wenn es um finanzielle Entscheidungen geht. Welche Hose wird gekauft? Wie viele Kugeln Eis sind erlaubt? Und wie viel Taschengeld ist angemessen? 

Wir haben die Macht, Entscheidungen zu treffen. Was kommt auf den Tisch? Wohin geht es in den Urlaub? An welcher Schule wird das Kind angemeldet? 

Wir können über den Tagesablauf bestimmen. Wann wird gegessen? Wann ist es Zeit, ins Bett zu gehen? Wie viel Medienzeit ist am Computer oder Fernsehen erlaubt? Auch die Entscheidung, wann und wie lange das Kind in Kindergarten, Schule oder Hort bleibt, wird in den meisten Fällen von den Eltern getroffen. 

Adultismus - Vater trägt weinendes Kind weg

Generell sind Erwachsene Kindern überlegen

Erwachsene haben mehr Lebenserfahrung, sind größer und stärker als Kinder. Deshalb liegt es auf der Hand, sie vor anderen und sich selbst beschützen zu wollen. Das nehmen die meisten als selbstverständlich hin. Doch ist es deswegen auch gerecht und richtig?

Das Machtungleichgewicht zwischen Erwachsenen und Kindern wird auch als Adultismus bezeichnet. Dieser Begriff besteht aus den beiden Teilen adult = erwachsen und -ismus = Hinweis auf gesellschaftliche Machtstruktur. (vgl. Rassismus, Sexismus) 

Kinder leben in einer Welt, die von Erwachsenen für Erwachsene konzipiert wurde. Die Erwachsenen entscheiden, Kinder müssen sich anpassen. Das wird von der Gesellschaft als naturgegeben angesehen. 

Gesellschaftliche Machtstrukturen basieren auf einer “erfundenen Wahrheit”. Die jahrhundertelange Versklavung fußte auf der Vorstellung, “dass Sklaven keine vollwertigen Menschen sind”. Dass Frauen lange nicht studieren durften, wurde damit begründet, dass “ihre Gehirne anders aufgebaut sind.” Adultismus wird damit legitimiert, dass sich Kinder nur durch die erzieherische Einflussnahme Erwachsener zu vollwertigen Mitgliedern der Gesellschaft entwickeln können. 

Das ist Diskriminierung in einer Lebensphase. Das besondere daran ist, dass es die einzige Form von Diskriminierung ist, die Menschen in der Regel aus beiden Richtungen kennenlernen. Die Traumata aus unserer eigenen Kindheit prägen uns bis heute. Es stellt sich also die Frage, ob wir das, was wir selbst als Kind erlebt haben, einfach weitergeben oder ob wir es reflektieren können und wollen. 

Junge stützt traurig Gesicht auf seine Arme

Macht und Ohnmacht sind Elemente jeder Erziehung. Ausschlaggebend für die kindliche Entwicklung ist jedoch ihr Gebrauch bzw. Missbrauch.

Adultismus, also eine Diskriminierung aufgrund des Alters, liegt dann vor, wenn Erwachsene dieses Verhältnis ausnutzen und Erziehung auf Macht beruhen lassen. Sie bestimmen, meistens mit Strafen. Immerhin wurde in Deutschland im Jahr 2000 (!) die Prügelstrafe offiziell abgeschafft und das Recht auf Gewaltfreie Erziehung im Grundgesetz verankert. Wie viele Eltern dennoch eine Ohrfeige oder Klaps auf den Po unter gewissen Umständen gerechtfertigt finden, lässt sich aber nicht belegen. Doch nicht nur körperliche Züchtigung stellt einen Machtmissbrauch dar. Es fängt schon viel früher an. Wenn Kinder bestraft werden, alltägliche Beschämungen ertragen müssen, Liebesentzug angedroht wird (“Wenn Du jetzt nicht Dein Zimmer aufräumst, lese ich Dir heute keine Gute-Nacht-Geschichte vor!”) oder sie solche Sätze zu hören bekommen: 

“Schön langsam laufen!” “Wie sagt man da?!” “Weil ich deine Mutter bin.” “Es gibt keinen Grund zu weinen.” “Warum isst du schon wieder nichts?” “Dafür bist du noch zu klein!” Auch Lob oder Bewertung gehören dazu. “braver Junge”, “liebes Mädchen”, “Das kannst Du aber schon gut.” 

Ihre Rolle nicht auszunutzen ist die Herausforderung für Erwachsene. Die Schützende Anwendung von Macht (z.B. Straßenverkehr oder beim Umgang mit Messern) ist in bestimmten Situationen unumgänglich und notwendig. Allerdings ist das Schutz-Argument in vielen Dingen ein Totschlagargument. Unter dem Deckmantel, es gut zu meinen und nur das beste zu wollen, verhalten sich Erwachsene oft übergriffig und respektieren die kindliche Integrität nicht. Beispiele dafür finden sich zu Genüge in den ersten Absätzen dieses Textes. 

Erziehung im Laufe der Zeit

Bis ins 20. Jahrhundert war das Ziel von Erziehung, das Kind dazu zu bringen, in der Welt zu “funktionieren”. Hauptzielsetzung war dabei die Unterordnung unter die “Respektspersonen”, die sich den Respekt teilweise mit Schlägen und Beschimpfungen einforderten. 

Anfang des 20. Jahrhunderts gab es erste Reformen unter anderen durch die Erkenntnisse von Sigmund Freud, die allerdings durch den Nationalsozialismus beendet wurden. Dr. Johanna Haarers “Die Deutsche Mutter und ihr erstes Kind” war einer der populärsten Mütter-Ratgeber der NS-Zeit, dessen Folgen auf Generationen von Kriegskindern und Nachkriegskindern bis heute nicht abzuschätzen sind. Disziplin, Gehorsam und Fügsamkeit waren die wichtigsten Werte. Ende der 1960er Jahre kamen durch die Hinwendung der 68er-Generation zur Pädagogik Antiautoriäre Erziehungskonzepte (“laissez faire”) auf. 

Vater läuft mit Tochter an der Hand

Seit Mitte der 90er Jahre gibt es zum einen den lauter werdenden Ruf zurück zu mehr Disziplin, auf den anderen Seite aber auch Familienberatung und Elternbildung in Richtung einer bedürfnisorientierten Erziehung.

Lob der Disziplin?

Natürlich gibt es auch kritische Stimmen zum Konzept der Anti-Diskriminierung. So fordert z.b. Bernhard Bueb in seinem Buch “Lob der Disziplin”, dass Erwachsene Kinder führen sollen, wenn es sein muss auch mit Zwang. Eines seiner Argumente für den Erhalt der Hierarchie in Kind-Erwachsenen-Beziehungen ist, dass ein junger Mensch in die gesellschaftlichen Strukturen hineinwachsen müsse. Das Spannungsfeld zwischen individuellen Bedürfnissen und gesellschaftlichen Zwängen bliebe schließlich auch im Erwachsenenalter bestehen. Die frühe Forderung nach Unterordnung führe über Disziplin zu späterer Selbstdisziplin. Michael Winterhoff schuf gar den Begriff der “Tyrannenkinder” und konstatiert, dass “Deutschland verdummt” (Buchtitel). Deutschlands Eltern hätten es demnach verlernt zu erziehen. 

Das kompetente Kind

Die neueren Konzepte legen ein grundsätzlich anderes Menschenbild zugrunde. Anstatt Kinder als unfertige und unfähige Erwachsene anzusehen, die ohne Erziehung unmöglich zu anständigen Staatsbürgern heranwachsen können, nimmt man sie wahr als perfekt ausgestattete Babys, (die wissen, wie sie dafür sorgen, etwas zu essen zu bekommen), Dreijährige, (die alle Fähigkeiten haben, um die Welt zu erkunden und wieder ins sichere Nest zurückzukommen) oder Achtjährige, (die immerzu spielen wollen, um möglichst viel zu lernen). Der dänisches Erziehungsexperte Jesper Juul prägte in seinem Buch “Das kompetente Kind” die Idee von den Erwachsenen “gleichwürdigen” Kindern. Statt ERziehung steht die BEziehung im Vordergrund. Es geht darum, die Bedürfnisse des Kindes zu achten und gleichzeitig persönliche Grenzen aufzuzeigen. 

Mutter mit Baby im Tragetuch spricht auf Augenhöhe mit Kind

Wie Erwachsene Kindern diskriminierungsfrei begegnen können 

Auf der Suche nach Möglichkeiten, es selbst “besser” zu machen, lohnt sich ein Blick in die eigene Vergangenheit. Wo ich habe ich als Kind Adultismus erlebt? Was hätte ich mir damals gewünscht? Wann und wo gab es erwachsene Personen, die mich gesehen haben, auf Augenhöhe mit mir gesprochen und mich ernst genommen haben? Im Kontakt mit Kindern sollte man sich selbst öfter die Frage stellen: Würde ich mit einer erwachsenen Person genauso umgehen? Wenn die Antwort nein lautet, liegt höchstwahrscheinlich Adultismus vor. 

“Mein Mann darf heute nicht fernsehen, schließlich hat er den Müll ja nicht rausgebracht.” 

“Ich gebe meiner Frau kein Geld mehr für Schokolade. Sie hatte schon ein Eis. Sie weiß einfach nicht, wann es genug ist.” 

“Wenn Du Deinen Partner zu oft eigene Entscheidungen treffen lässt, tanzt er Dir irgendwann auf der Nase herum!” 

“Mein Nachbar hat neulich mein Beet zertreten. Er hat sich zwar entschuldigt, aber ich habe trotzdem ordentlich mit ihm geschimpft. Sonst lernt er das ja nie!”

Diese Sätze klingen absurd. Trotzdem haben wir sie so oder so ähnlich schon oft in Bezug auf Kinder gesagt oder gehört. 

Adultismus ade – Augenhöhe ist angesagt

Dies ist kein Plädoyer dafür, Kinder komplett sich selbst zu überlassen (laissez-faire), sondern vielmehr, ihnen gleichwürdig auf Augenhöhe zu begegnen. Einen guten Grund (in GFK Bedürfnis) hinter ihrem Verhalten zu vermuten. Ihnen das bestmögliche Motiv für ihre Handlungen zu unterstellen. Die eigenen Gefühle nicht mit dem Tun der Kinder zu verknüpfen (“Du machst mich wahnsinnig!”) und im Umgang miteinander nach Lösungen suchen, die beide Positionen miteinander verbinden. 

Am Ende stehen glücklichere Menschen. Menschen, die sich innerlich freier fühlen. Die sicher sind, eine Stimme zu haben und gehört zu werden. Dadurch hätten sie auch später das Gefühl, dass sie in der Gesellschaft etwas bewirken können. Dann hätten sie auch mehr Mut und mehr Lust, an gesellschaftlichen Prozessen teilzuhaben, Dinge zu verändern. Sie hätten nicht das Gefühl, dass sie durch eine höhere Macht unterdrückt sind und würden viel motivierter durchs Leben gehen. 

Adultismus ade - fröhliche Jugendliche

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