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Diese Frage möchte Daniela Thörner öfter hören. Sie sagt:

Sprache schafft Realität(en), das erleben wir jeden Tag. Wenn wir für etwas Worte haben, dann ist es „richtig da“, „echt“ und wird besprechbar. 

Daniela Thörner, Sozialpädagogin, Diversity-Trainerin und Sexualpädagogin.

Dieses Thema betrifft nicht nur, aber auch uns Stiefmütter. Deshalb freue ich mich über ihren Gastartikel: Wie ist dein „Mama-Name“?

Individuelle Lösungen oder von allen verstanden werden?

Je ausdifferenzierter unsere Sprache, desto individueller können wir die Vielfalt der Realitäten und damit unser ganz Eigenes abbilden. Ausgerechnet bei den Bezugspersonen unserer Kinder ist die Wortauswahl allerdings sehr gering.  Individuelle Lösungen und kreative Ideen zur Bezeichnung der Lieblingsmenschen unserer Kinder finden wir in vielen Familien(systemen), aber hier wollen wir einmal auf die Worte schauen, die ein Kind benutzen kann, um von so gut wie allen verstanden zu werden.

Die Worte „Mama“ und „Papa“ sind solche Worte. Da weiß in Deutschland so gut wie jede:r, was beziehungsweise wer damit gemeint ist. Auf diese Worte greifen Kinder und Erwachsene zurück, wenn sie die Beziehung zwischen dem Kind und dem Erwachsenen neben sich kurz und schnell sichtbar machen wollen – auch, wenn sie selbst diese Worte gar nicht verwenden, weil sie lieber Mutti, Baba, Anne oder einfach Paul sagen. 

Selbsterklärend oder glauben wir das nur?

Welche Beziehung genau hinter dem Wort Mama/Papa steckt, weiß das Gegenüber eigentlich nicht, aber es gibt klare Vorstellungen, die häufig unhinterfragt bleiben. Aber dazu später mehr.

Noch kurz ein weiterer Blick auf die Worte von Lieblingsmenschen im Alltag. Gibt es Worte, die ähnlich selbsterklärend sind, wie Papa und Mama?

Bei „Stiefmutter“ haben die meisten ein Bild im Kopf, was allerdings durch unsympathische Märchenfiguren sehr geprägt ist. Klick um zu Tweeten

Das ist interessanterweise bei „Stiefvater“ nicht so dominant. Wer die Person im Leben des Kindes ist, wird jedoch allen grob klar. Bei Bauchmama, Bonuseltern, Lieblingsonkeln, Wahlomas und Patentanten wird es etwas schwammiger. Spannenderweise denken wir bei diesen Begriffen, wir bräuchten eine Erklärung, wie genau die Beziehung dann aussieht.

Warum brauchen wir die eigentlich nicht, wenn wir das Wort „Mama“ hören? Warum denken wir, wir wüssten, welche Rolle dieser Mensch im Leben des Kindes spielt? Es gibt so einige Familien, in denen Kinder gleich viel oder auch mehr Zeit mit ihren Bonusmüttern/Stiefmüttern/Großeltern… verbringen, als mit den Menschen, die sie Mama nennen. 

Die Auswirkungen auf Kleine und Große

Worum geht es? Gelebter Familienalltag war schon immer sehr divers und wird gleichzeitig sehr vereinfacht und normiert in Bild und Sprache gesteckt. Worte und Abbildungen reduzieren und verschlucken meist vielfältige Sichtbarkeit von Familien. 

Das hat zur Folge, dass Menschen – insbesondere Kinder – denken, sie seien komisch und anders. Manche haben das Gefühl „falsch“ zu sein oder etwas nicht „richtig“ zu machen. Das verletzt. Das lässt verstummen. Auch die wichtigsten Bezugspersonen werden unsichtbar, wenn Worte fehlen, die sie im Alltag sichtbar und selbstverständlich machen.

Die Klassiker hinterfragen

Was würde passieren, wenn wir die Dominanz der Worte „Mama“ und „Papa“ hinterfragen oder gar aufbrechen? Zum einen wäre es schön, die unbesprochene Hierarchie hinauszunehmen. Was ist damit gemeint? Wenn wir beispielsweise an Bonus- oder Stiefeltern denken, dann stehen diese schnell in Gedanken in zweiter Reihe, auch wenn sie im gelebten Familienalltag gleichberechtigt Verantwortung tragen.

Auch Großeltern und Pflegeeltern finden in den unhinterfragten Gedanken vieler in der zweiten Reihe ihren Platz. Spiegelt das die gelebten Beziehungen von Kindern wider? Wie fühlt sich ein Kind, welches als nächste Bezugsperson die Großmutter hat?

Wenn ein Kind alleine angetroffen wird, ist häufig die erste Frage Unbekannter „Wo ist denn deine Mama?“ Auch wenn ein Kind weint, sich verletzt hat oder Hilfe braucht, wird im ersten Moment „die Mama“ gesucht.

„Mit wem bist du auf dem Spielplatz? Wen kann ich schnell holen, damit du Hilfe/Trost/…bekommst?“ Bei einer solchen Frage muss das Kind nicht erstmal erklären, dass heute Papawoche ist und ich mit Laura hier bin und…sondern es bekommt schnell die Hilfe, die es braucht.

"Mit wem bist du auf dem Spielplatz?" Bei einer solchen Frage muss das Kind nicht erstmal erklären, dass heute Papawoche ist und ich mit Laura hier bin und…sondern es bekommt schnell die Hilfe, die es braucht. Klick um zu Tweeten

Menschen, die mit Kindern unterwegs sind, werden auch schnell automatisch zu Mamas und Papas, auch wenn sie in Wirklichkeit wichtige Bezugspersonen sind, die Zeit mit dem Kind verbringen.

Warum gehen wir eigentlich davon aus, dass ausschließlich Eltern Zeit mit Kindern verbringen? Wenn Menschen älter sind, müssen es auch die Großeltern sein, wer sonst?

Neues denken

Würden wir die Normen rund um „Mama“ und „Papa“ aufbrechen, könnten Individualität und selbst Mehrsprachigkeit lebendiger werden und gleichberechtigter nebeneinanderstehen. Wie kann das aussehen?

  • Wir könnten Menschen fragen, welchen „Mama-Namen“ sie verwenden, diesen einfach übernehmen und der Versuchung widerstehen, ihn zu kommentieren. Genau so, wie wenn der „Mama-Name“ eben „Mama“ ist.
  • Wir können versuchen zu verlernen, wichtigen Erwachsenen im Leben eines Kindes ungefragt eine Rangfolge zuzuteilen.
  • Wir können immer wieder den Gedanken üben, dass Kinder auch ein vollkommenes Leben haben, deren Familienbild nicht Mama-Papa-Kind ist. Dass dann nichts fehlt oder zu viel ist, sondern bei den einen eben so und bei den anderen eben so.
  • „Sie lebt nur mit ihrer Mutter!“ „Zwei Väter sind doch keine vollkommene Familie für ein Kind!“ „Die armen, zerrissenen Trennungskinder!“ „Der lebt mit so vielen Erwachsenen, keine Ahnung, wer in dem Chaos die richtigen Eltern sind! Das arme Kind!“ Das dürfen wir hinter uns lassen.

Nehmen wir die Perspektive des Kindes ein, so wird deutlich, wie viel Normierung in unserer Sprache in Bezug auf Familie steckt. Lasst uns individueller hinschauen, veraltete Vorstellungen ablegen und Lieblingsworte alltagstauglicher machen.

Ein Hoch auf all die Lieblingsnanas, Pony-Pauls und Tonkels dieser Welt, die ihr Herz und Leben für Kinder als Bezugspersonen geöffnet haben.

Über die Autorin

Daniela Thörner fragt: Wie ist dein Mama-Name?
Daniela Thörner, Foto von Dieter Düvelmeyer.

Daniela Thörner ist Sozialpädagogin, Diversity-Trainerin und Sexualpädagogin. Gemeinsam mit Katrin Putschbach hat sie 2021 die Sonnenscheinzeit gegründet, mit knackigen Online-Kursen für Eltern und Co. Zudem ist sie Autorin des beliebten Buches „Mädchen, Junge, Kind – Geschlechtersensible Begleitung und Empowerment von klein auf“. (Affiliate Link)

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Das hat geklappt!

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