Du möchtest, dass dein Kind etwas macht. Zähne putzen. Aufräumen. Nicht hauen.
Du willst auf keinen Fall befehlen oder schimpfen.
Stattdessen hast du gelernt, dich in “Giraffensprache” auszudrücken. Deine Beobachtung, dein Gefühl, dein Bedürfnis und deine Bitte.
So wie ich. Letzte Woche.

Meine Kinder haben die Spielsteine vom 4-Gewinnt vom Tisch geworfen. Ich habe gesagt: “Wenn ich die Chips auf dem Boden liegen sehe, bin ich traurig, weil mir wichtig ist, dass wir mit den Spielen sorgsam umgehen, damit keine Teile verlorengehen. Bitte lasst uns die wieder einsammeln.” Meine Tochter meinte daraufhin: “Jaja, dir ist wichtig, dass wir sorgsam damit umgehen. Das sagst du immer. Blablabla.” Ich habe dann die Spielsteine eingesammelt und weggeräumt.

Ich war frustriert. Da hatte ich mein Anliegen so schön giraffisch ausgedrückt, aber es schien nicht anzukommen. Woran kann das liegen? Das schauen wir uns im folgenden einmal zusammen an.

Haltung, bitte! Ist deine Bitte eine Forderung?

Als erstes kannst du dich fragen, ob du eine wirkliche Bitte formuliert hast. Ausschlaggebend dafür ist übrigens nicht das Wörtchen “bitte”. Also woran erkennst du, ob deine Bitte eine Forderung war? An deiner Reaktion auf ein Nein. Wenn dein Kind deine Bitte ablehnt und du daraufhin sauer wirst – dann war es eigentlich eine Forderung. Es kann auch vorkommen, dass der Gegenüber eine Forderung hört, selbst wenn du eine Bitte ausgesprochen hast. Könnte es sein, dass dein Kind dir sagen will: Es ist schwer, deine Formulierung als Bitte wahrzunehmen?

Haltung, bitte! Willst du “manipulieren”?

Wenn ich die Chips auf dem Boden liegen sehe, bin ich traurig…” Im Nachhinein betrachtet war das Wort traurig vielleicht etwas zu harter Tobak. Gibt es etwas schlimmeres als eine wirklich traurige Mutter? Ich nehme an, das Wort ist einfach zu stark und generiert deswegen Abwehr. “Ich mag es nicht, es stört mich…” wäre vielleicht sinnvoller. Vielleicht fühlte sich meine Tochter dadurch manipuliert oder emotional erpresst und hat deshalb dicht gemacht.

Damit deine Aussage beim Kind ankommt, sollte deine Haltung tatsächlich neugierig-helfend sein. Oft schwingt vielleicht doch etwas strafend-erzieherisches mit, was das Kind dann wahrnimmt und worauf es reagiert. Und zwar ablehnend. Denn Druck erzeugt Gegendruck. Auf eine Forderung – oder unterschwellige Manipulation – gibt es nur zwei mögliche Reaktionen: Unterwerfung oder Auflehnung. Auf keinen Fall aber führt es zu

Haltung, bitte! Bist du authentisch?

Ich habe astreine GFK-Giraffensprache gesprochen. Ich war sozusagen im GFK Übungsmodus. Das klingt unnatürlich und unecht. Außerdem merken die Kinder auch, wenn ich mich wiederhole oder „Floskeln“ inflationär verwende. Die hohe Kunst besteht darin, diese vier Schritte durch viel Üben in ein individuelles “Straßengiraffisch” eingehen zu lassen.

Das könnte vielleicht so klingen:  “Kinder, oh, die ganzen Teile sind auf den Boden geflogen. Ich habe Angst, dass sie dabei kaputt gehen. Ich finde das Puzzle so schön, wenn die Teile alle ganz heil sind und genau passen! Ich würde mich freuen, wenn ihr beim nächsten Mal vorsichtiger damit umgehen könntet. Und jetzt räumen wir sie fürs nächste Mal ordentlich auf, okay?”. Das hat wahrscheinlich eine ganz andere Wirkung, oder?

Haltung, bitte! Hast du schon nach dem Bedürfnis geschaut?

Hast du mal dahinter geschaut? Also warum die Spielsteine runterfliegen? Ich glaube, meine Tochter war in dem Moment nicht an Lösungen interessiert. Mein Anliegen hat sie auch nicht interessiert. Das ist in Ordnung, denn mir ging es ja genauso. Ich habe nicht auf ihr Bedürfnis geschaut. Wenn Menschen gesehen werden, erhöht das die Kooperationsbereitschaft. Meine Tochter brauchte Einfühlung und Verständnis für ihr dahinterliegendes Bedürfnis. Was könnte das in dem Fall sein? Vielleicht Freiheit (statt sich an Spielregeln halten zu müssen), vielleicht Unterstützung beim Einräumen, vielleicht Platz (auf dem Tisch für ein neues Spiel). Auf jeden Fall hat sie einen guten Grund für ihr Verhalten – ich muss ihn nur finden.

Haltung, bitte! Worum geht es dir wirklich?

Das Thema sind eigentlich nicht Puzzlesteine, sondern die Beziehung. Es geht auch nicht darum, wie Du etwas ausdrückst, sondern wie Du in eine Verbindung kommst, in der sich beide sehen und gesehen fühlen. Wenn das passiert, sind die Puzzlesteinchen egal. Welches Gefühl ist denn wirklich in dir, wenn die Steine fliegen? Ich glaube, es war einfach nur dieser Glaubensatz aus meiner eigenen Kindheit: “Man muss mit Spielen sorgfältig umgehen, sonst kommen die weg!”

Ein paar Tage später hatte ich übrigens ein ganz anderes Erlebnis. Die Kinder saßen auf der Couch und schauten sich ein Fotoalbum an. Sie hatten ihre Freude damit, waren aber gleichzeitig sehr laut und aufgedreht. Ich sagte spontan, ohne groß darüber nachzudenken: “Oh, ihr habt ja viel Spaß mit dem Fotoalbum. Da steckt ganz schön viel Zeit und Herzblut drin. Das war echt viel Arbeit für mich, das so schön zu machen. Bitte seid vorsichtig beim Umblättern, damit die Seiten nicht umknicken.” Da streckten sie ihre Beine ganz lang, so dass die Seiten nicht mehr am Bauch anstießen. Und blätterten fast schon andächtig um. Sie hatten gehört, dass es mir ein echtes Anliegen ist.

Haltung, bitte! In Kürze:

In der Gewaltfreien Kommunikation geht es nicht darum, dass du mehr deinen Willen bekommst. Wenn dein Hintergedanke beim Aussprechen manipulativ ist, dann reagieren die Kinder eher auf den Hintergedanken als auf den ausgesprochenen Satz. Das bessere Vorgehen ist zu fragen, wieso sie das überhaupt machen: Inwiefern macht es das Leben schöner, die Spielsteine herunterzuwerfen? Wenn du verstehst, worum es den Kindern geht, dann kannst du neue Wege finden, wie sie ihre Bedürfnisse erfüllen können, ohne dir mehr Arbeit zu machen.