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Systemsprenger ist ein Film von Nora Fingscheidt, der am 19.09 in den Kinos anlief. Der Begriff Systemsprenger wird in der Jugendhilfe eher inoffiziell verwendet. Die meisten Leute, die mit solchen Kindern zu tun haben, wissen aber, was er bedeutet. Die Bezeichnung “Systemsprenger” ist zu Recht sehr umstritten, weil es eigentlich nicht das Kind ist, was ein System kaputt macht, sondern es sind scheiternde Systemprozesse, die dazu führen, dass das Kind unter die Räder gerät. 

SYSTEMSPRENGER Trailer German Deutsch (2019)

Filmgespräch mit Nora Fingscheidt

Am 20.09.2019 habe ich nicht nur den Film “Systemsprenger” im harmonie Kino in Frankfurt gesehen, sondern hatte das große Glück, an einem Filmgespräch mit der Regisseurin Nora Fingscheidt teilzunehmen. Es fand vor der Filmvorführung statt, da Frau Fingscheidt noch weiter nach Hamburg musste – zu ihrer Hochzeit am nächsten Tag. An dieser Stelle herzlichen Glückwunsch und alle guten Wünsche für Ihre Ehe! 

Nora Fingscheidt sagte im Filmgespräch, sie wollte mit dem Film erreichen, dass man mal zwei Stunden mit einem Kind wie Benni mitfühlt – einem Kind, das man sonst vielleicht eher als verhaltensgestört wahrnimmt oder wo man gar nicht hinschauen möchte. Dass man sich wirklich mit so einem Kind identifiziert und es vielleicht liebt, aber auch um das Kind fürchtet aufgrund seiner selbst willen. Das ist ihr wirklich gut gelungen. 

Systemsprenger hat mich bewegt. Ich war wütend, traurig, schockiert, unsicher, verzweifelt – die ganze Bandbreite der Emotionen. Ich hatte tiefes Mitgefühl für das Mädchen Benni, ich wollte ihr so gern helfen und konnte doch gleichzeitig sehen, wie andere an ihre Grenzen gestoßen sind. 

Wow, was für ein bewegender Kinoabend! Danke an Silke von agile parenting für den Austausch und deine Freundschaft

Die Hilflosigkeit im Umgang mit “solchen” Kindern

Die Lehrer und Schulassistenten können sie nicht bändigen und verweisen sie der Schule. Aus mehreren Heimen und Wohngruppen fliegt sie raus, weil sie die Erzieher bedroht. Die Pflegemutter, die sie wieder aufgenommen hat, weil sie “ihr Herz berührt hat”, muss kapitulieren, als Benni den Pflegebruder schwer verletzt hat. Die Betreuerin vom Jugendamt, die sich über die Maßen eingesetzt hat, ist schluchzend zusammengebrochen – an dieser Stelle muss ich mit ihr weinen über das Verhalten der Mutter, die ihre Tochter trotz vorheriger Versprechungen nicht wieder bei sich aufnehmen wollte. 

Gleichzeitig konnte ich die Angst der Mutter nachvollziehen, die die jüngeren Geschwister vor dem Verhalten der großen Schwester beschützen und verhindern wollte, dass diese sich ebenfalls in diese Richtung entwickeln. Der Erzieher Micha verlässt seinen professionellen Rahmen und baut eine Beziehung zu Benni auf (was sich unter anderem daran zeigt, dass sie ihn nicht “Erzieher” sondern irgendwann tatsächlich bei seinem Vornamen ruft). Als Benni ihn jedoch Papa nennen möchte, bekommt er Angst um seine eigene Familie und zieht sich von ihr zurück. 

Warum verhält sie sich denn so?!

Benni provoziert, sie schreit, benutzt derbe Schimpfwörter, spuckt Erziehern ins Gesicht, schlägt einen Jungen krankenhausreif, wirft Bobbycars gegen Scheiben, läuft weg, versteckt sich im Wald, schlägt sich ihren Kopf blutig, pinkelt auf den Flur, macht nachts häufig ins Bett, beschimpft Passanten auf dem Spielplatz, reißt Tapete von den Wänden, schmeißt mit Steinen nach Tieren. Und doch: in jeder Situation gibt es einen Triggerpunkt, einen Auslöser, der nachvollziehbar wird, wenn man ihre Perspektive einnimmt. 

Jemand betritt ungefragt ihr Zimmer. Ein Mitschüler lacht über sie. Ein Erzieher macht einen sarkastischen Kommentar. Sie möchte nicht zur Schule gehen, wird aber “gezwungen”. Jemand fasst ihr ins Gesicht – sie schreit, schlägt um sich, wird wild. Eine Reaktion auf ein frühkindliches Trauma: Ihr wurde als Baby eine Windel ins Gesicht gedrückt. Woher das Verhalten kommt? Viel mehr erfahren wir nicht. Wir erleben in einer Szene eine Art Stiefvater, der sie im Schrank einsperrt. Was in ihrer frühen Kindheit noch passiert ist, lässt der Film offen. 

Gefühle hinter den Verhaltensweisen

Benni erlebt immer wieder Zurückweisung, bekommt kein Vertrauen. Der Film schafft es dabei, nachvollziehbar zu machen, wie beide Seiten sich fühlen. Die Mutter, die Angst um ihr Baby hat, auf der einen und Benni, die zu dem Kleinen eine Art Beziehung aufgebaut hat und ihn “behalten” will, auf der anderen Seite. 

Wir sehen ein sehr einsames, verzweifeltes Mädchen, das doch nur zu ihrer Mama will. An einer Stelle ruft sie lange “Maaaaama, Mamaaaaaa” ins Echo und bemerkt hinterher: “Meine Mutter hasst mich.” Auf die Erwiderung des Erziehers Micha “Nein, sie liebt dich..” sagt sie nur: “Sei leise.” Sie läuft immer wieder weg, dieses Motiv kommt im Film häufiger vor, mit verwackelter Kameraführung, die die Verzweiflung verdeutlicht. Weg, weg, keiner will mich haben, keiner hält mich aus, keiner ist für mich da. 

Sie bemüht sich auch in unterschiedlichen Situationen, “brav” zu sein, hilft beim Tischdecken, spielt mit kleineren Kindern in den Familien, freut sich, lacht und singt. Alle Untersuchungen lässt sie über sich ergehen, nimmt Medikamente. Aber die leichten Momente sind nicht von Dauer. Im Kino hält das Publikum immer wieder den Atem an, wenn ein Babyhändchen sich Bennis Gesicht nähert. Ich habe das Gefühl, man sitzt auf einem Pulverfass, das jeden Moment explodieren kann. 

Wer ist Schuld daran, das ein Kind zum Systemsprenger wird?

Um diese Frage geht es im Film nicht. Klar ist, Benni selbst kann nichts dafür. Sie verhält sich so gut es ihr möglich ist, sie hat keine besseren Strategien. Ihre Hemmschwelle ist niedrig, ihre Impulskontrolle nicht oder kaum vorhanden. Die Frage nach einem Schuldigen ist auch nicht zielführend, denn jetzt ist die Situation wie sie ist. Selbst wenn man herausfinden würde, dass “die Mutter”, “die Scheidung”, “das Umfeld” oder “die Lehrer” eine Mitverantwortung tragen, hilft das keinem weiter – vor allem Benni nicht. 

Wie kann man mit Kinder umgehen, die sich schlecht kontrollieren können?

Man sieht es im Film und man weiß es längst aus verschiedenen Studien: Strafen bringen nichts. Es mag sein, dass gewisse Strukturen hilfreich sind. Im Film zeigt sich aber deutlich, das “beste” Verhalten – damit meine ich, dass Benni entspannt und fröhlich ist – erreicht man durch Verständnis und Empathie. Wenn sie merkt, dass sich jemand ernsthaft um sie bemüht, taut sie langsam auf. 

Trotzdem fällt mir auf, dass immer noch Grenzen und verhaltensverändernde Maßnahmen im Fokus stehen. Disziplinarmaßnahmen wie Verweise und Suspendierungen an der Schule sind nicht verwunderlich. Auch der ihr zugewandte Erzieher Micha packt sie und trägt sie weg, schreit sie an und schimpft mit ihr, wenn ihr Verhalten ihm zu weit geht. Dabei ist diese Grenze eine persönliche, schließlich hält jeder Mensch unterschiedlich viel aus bzw. hat eben nur ein gewisses Maß an Selbstbeherrschung zur Verfügung. 

Was ich vermisst habe, ist ein wirklich empathisches Mitfühlen mit dem Mädchen. Da gab es niemanden, der gesagt hat “Wow, Du bist grad echt total wütend. Bist Du traurig, weil Du Deine Mama vermisst? Fühlst Du Dich einsam? Du hast jetzt Angst, dass Deine Mama Dich nicht mehr liebt hat, hm?” Stattdessen gab es Erklärungen, Beschwichtigungen und letztlich Erziehungsmaßnahmen. Ich bin mir sicher, dass Benni weiß, dass ihr Verhalten nicht erwünscht ist. Das muss ihr nicht wieder und wieder mitgeteilt werden, denn dadurch ändert es sich nicht. 

“Wie kam es zum Film Systemsprenger?”

Nora Fingscheidt berichtet im Filmgespräch davon, dass sie die Idee für den Film schon sehr lange hatte. Sie wollte schon immer einen Film über ein wildes, wütendes und aus Perspektive der Erwachsenen anstrengendes Kind machen. Das habe zum Teil autobiografische Züge. Sie sei selbst ein Kind gewesen, das den Erwachsenen sehr auf die Nerven gegangen ist, viel zu viel Energie hatte und sich in der Schule langweilte. Heute würde man nach ihrer eigenen Aussage vermutlich eine ADHS-Diagnose stellen. Daher haben ihr diese gar nicht niedlichen Mädchen in Kino immer gefehlt. 

Ihr Versuch, eine Geschichte darüber zu schreiben, gelang zunächst nicht. Die Drehbücher erschienen zu belanglos. Die Hauptfigur blieb jedoch über Jahre bei ihr. Während des Studiums drehte sie einen Film für die Caritas über ein Heim für wohnungslose Frauen. In diese Institution zog eines Tages ein vierzehnjähriges Mädchen ein. Das empfand sie als schockierend, während die Sozialarbeiterin nur meinte: 

“Ach, die Systemsprenger! Die können wir immer am vierzehnten Geburtstag aufnehmen. Wir haben immer zwei Plätze für die, weil keine Institution im ganzen Land sie mehr aufnehmen möchte.” 

In diesem Moment war die Geschichte geboren. Das Mädchen Benni aus dem Film ist mehr als nur wild und wütend, sondern die radikale Form davon. 

Systemsprenger in der Realität

Die Recherche zum Film war lang und intensiv. Nora Fingscheidt lebte sie jeweils 1-2 Wochen in den verschiedenen Institutionen, hospitierte und arbeitete dort. In einer Wohngruppe, in einem Kinderheim, in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie, in einer Inobhutnahmestelle, in einer Schule für Erziehungshilfe. Nebenbei führte sie auch viele Einzelgespräche mit Menschen aus dem System, vom Jugendamt, Psychotherapeuten für Kinder und Jugendliche. Recherchieren und Schreiben wechselten sich eine Zeit lang ab, bis sie es für ein Jahr unterbrechen musste, weil sie bemerkte, dass es ihr zu nah ging. Sie sagte, sie wollte nach jeder Institution mindestens 5 Kinder adoptieren und mit nach Hause nehmen. In der Recherche zum Film begegnete sie einem elfjährigen Jungen, der schon in 52 verschiedenen Einrichtungen war – das hat mich persönlich besonders bewegt. 

SYSTEMSPRENGER Featurette – Hintergründe

Gibt es auch hoffnungslose Fälle? 

Laut Nora Fingscheidt gibt es immer wieder Kinder, die es dann doch irgendwie schaffen. Es gibt Menschen aus dem System, die Zugang zu den “Systemsprengern” finden. So bekam sie als Feedback einer ehemaligen Systemsprengerin zum Film “Du hast mein Leben verfilmt.” Sie hat aber die Kurve bekommen, studiert selbst Soziale Arbeit, hat eine Familie gegründet. Obwohl sie immer noch damit zu schaffen hat, gibt es doch Hoffnung. 

Frau Dr. Birkenfeld, Dezernentin für Soziales, Senioren, Jugend und Recht in Frankfurt am Main, die auch am Filmgespräch teilnahm, sagte dazu, sie würde so etwas nie über einen Menschen sagen. Und dass wir das auch nicht zulassen dürfen.

Dem stimme ich absolut zu! Was genau können wir aber tun, um so etwas nicht zuzulassen?

Es muss nicht gleich ein Systemsprenger sein… 

Die Figur von Benni ist so konzipiert worden, dass ein fachfremdes Publikum den Film emotional begreifen kann. Es handelt sich nicht um einen Dokumentarfilm. Viele Situationen kommen so oder so ähnlich in der Praxis vor, allerdings selten geballt bei einem einzelnen Kind. 

Dennoch gibt es viele Kinder, die ein Verhalten an den Tag legen, das aus Sicht der Erwachsenen inakzeptabel ist. In meiner Beratung von Patchworkfamilien wird mir sehr häufig von “respektlosem” und grenzüberschreitendem Verhalten berichtet. Und auch ich kenne einige Situationen von meinem Bonuskind. (Darüber habe ich in der Filmkritik zu “Elternschule” berichtet). In meiner Erfahrung brauchen Kinder vor allem Verständnis, Liebe und Empathie – und nicht Erziehung, Grenzen und Strafen. 

Deshalb bin ich sehr froh, dass der Film es geschafft hat, dass die Zuschauer eben mit Benni mitfühlen. Sie ihnen leid tut, man ihr helfen möchte, anstatt sie zu verurteilen. Das ist der erste Schritt. 

Hast Du ein (Bonus)Kind, das Dich an Deine Grenzen bringt? Dann such Dir Unterstützung! Es gibt Angebote vom Jugendamt oder Erziehungsberatung. Wenn Du möchtest, können wir miteinander sprechen und sehen, ob ich Dir als Familiencoach weiterhelfen kann.