fbpx

Seit dem 13.März gibt es eine neue Zeitrechnung: Corona. Alles, was vorher alltäglich war, hat sich geändert. Schulen sind geschlossen, Konzerte und Fußballspiele abgesagt, Menschen tragen Mundschutz zum Einkaufen und halten 1,5 m Abstand. 

Die menschlichen Bedürfnisse sind aber immer noch dieselben wie vorher.

Wir brauchen Selbstbestimmung, Verbindung und Freiheit, damit es uns gut geht. Und wir müssen selbst dafür sorgen, dass diese Bedürfnisse erfüllt werden. Altbewährte Strategien funktionieren allerdings nicht mehr. Unsere “Lieblingslösung” müssen wir loslassen, um andere kreative Alternativen finden zu können. 

Verbindung und Nähe lassen sich eben nicht mehr dadurch erfüllen, dass man die Oma besucht, mit Freunden ins Kino geht oder mit Kollegen in der Kantine zu Mittag isst. Stattdessen hat sich unser soziales Leben zu einem großen Teil in die online Welt verlagert. Großeltern lesen den Enkeln über Videotelefonie vor, Konferenzen werden im Home office abgehalten, nach Klopapier und Hefe sind nun Webcams Mangelware. Denn Menschen wollen sich vernetzen, um zusammen zu arbeiten oder in Kontakt zu bleiben. 

Photo by Anna Shvets from Pexels

Gibt es “digitale Empathie”?

Meine Seminare und Kurse, die ich “normalerweise” vor Ort in Frankfurt veranstalte, können nicht mehr wie geplant stattfinden. Um die Teilnehmer weiterhin zu unterstützen, habe ich diese kurzerhand – zunächst testweise – ins Internet verlegt. Anfangs gab es eine gewisse Skepsis: Kann es wirklich klappen, sich verstanden zu fühlen, dem anderen aktiv zuzuhören und miteinander in Verbindung zu sein, wenn jeder vor seinem Laptop sitzt? Funktioniert “digitale Empathie” oder führt diese Art der Kommunikation in die Welt von Shitstorms, Respektlosigkeit und Hasskommentaren? 

Nachdem ich bereits einige Jahre sehr gute Erfahrungen mit Onlinesprachtandems mache, übe ich jetzt auch GFK online und mache uneingeschränkt ähnlich gute Erfahrungen. Mir geht es in allererster Linie um das Lernen und da sehe ich bisher keinerlei Einschränkungen gegenüber den Erfahrungen mit meiner bisherigen [offline] Gruppe. Da mir meine Zeit wichtig ist, schätze ich ungemein den minimalen Aufwand im Vergleich zu vorher. Anstatt den ganzen Abend zu opfern, kann ich jetzt gemütlich mit der Familie Abend essen, ein Gesellschaftsspiel machen und trotzdem GFK üben.

Alex

In der Onlinewelt sind Menschen oft direkter als in der realen Welt

Wer sich in Sozialen Netzwerken oder Foren bewegt, hat mit großer Wahrscheinlichkeit schon einmal erlebt, dass in Diskussionen online Formulierungen verwendet werden, die im alltäglichen Sprachgebrauch ein absolutes No Go wären. In der Onlinewelt sind Menschen oft direkter als in der realen Welt, die Kommunikation ist rauer. Woran liegt das?

Während es bei einer klassischen Unterhaltung um einen Austausch geht, wollen wir im Internet meist nur unsere eigene Meinung verkünden und durchsetzen. Es fällt schwer, sich in die andere Seite hineinzuversetzen und nachzuempfinden, was diese Person beim Lesen eines Postings fühlen wird. Denn unser Gehirn ist darauf ausgelegt, bei der Kommunikation eine unmittelbare Rückmeldung vom Gegenüber zu erhalten. Diese kann durch Worte erfolgen, aber auch ein Stirnrunzeln oder ein zweifelnder Blick dienen uns als Rückmeldung. 

Photo by Andrea Piacquadio from Pexels
Photos by Andrea Piacquadio from Pexels

Bei einem Austausch über Video ist diese Angst allerdings unbegründet. Zwar fehlen tatsächlich einige Sinneseindrücke wie der Tast- und Geruchssinn. Hören und sehen können wir unser Gegenüber aber schon. Die Aufmerksamkeit ist sogar noch fokussierter auf das Geschehen am Bildschirm, da wir nicht von anderen Dingen abgelenkt werden. In einer Gruppe, die so klein ist, dass wir jeden Teilnehmer als Individuum wahrnehmen, entsteht tatsächlich ein vergleichbarer Austausch als würden wir in einem Raum zusammensitzen. 

Für mich ist Gewaltfreie Kommunikation eine Haltung. Um diese zu verinnerlichen und zu üben braucht es am besten Gleichgesinnte und das funktioniert auch online sehr gut. Vielleicht sogar besser, schließlich hat man keinen Weg, ist weniger abgelenkt und ich zumindest kann mich gut konzentrieren und denke nicht so sehr, wie wirke ich, wie sehen mich die anderen. Ich kenne mittlerweile einige aus der Online Übungsgruppe, man fasst Vertrauen und weiß sein Gegenüber einzuschätzen. Ich mag Online Kongresse, Seminare und Übungsgruppen, lerne ich so doch direkt von zu Hause, aus meiner Komfortzone.

Bianca

Was sagt die Forschung darüber?

Dies ist nicht nur eine subjektive Empfindung, sondern wird durch Studien bestätigt. So beschäftigt sich eine Forschung der Universität Zürich von 2011 mit der Frage, ob eine Psychotherapie im Internet wirksam sein kann (vgl. Wagner, B; Maercker, A (2011). Psychotherapie im Internet – Wirksamkeit und Anwendungsbereiche). Der Erfolg einer psychologischen Behandlung hängt maßgeblich von der Beziehung zwischen Patient und Therapeut ab. Eine schlecht bewertete therapeutische Beziehung erzielt nachweislich geringere Erfolge.

Es zeigte sich, “dass die therapeutische Beziehung überraschenderweise in der Onlinetherapie insgesamt als signifikant besser bewertet wird als die direkte face-to-faceTherapie.” Derzeitige Forschungsergebnisse bestätigen der internetbasierten Psychotherapie eine gute Wirksamkeit, die vergleichbare Behandlungseffekte wie normale ambulante Psychotherapien aufweist. 

Ich war anfänglich sehr skeptisch, ob GfK auch online in eine Video-Chat mit fremden Menschen funktioniert, aber die Praxis hat gezeigt, dass es auch auf diese Weise möglich ist, wertschätzend im Sinne der GfK zu kommunizieren und Empathie zu geben und zu üben – es braucht nur ein wenig Vertrauen und die richtige Haltung.

Sonja

Hast Du Lust es auszuprobieren?

Es spricht also einiges dafür, sich auf einen GFK-Austausch per Videotelefonie einzulassen. Bisher habe ich Erfahrungen mit dem Online Tagesseminar “Gewaltfreie Kommunikation für die Quarantäne” für Einsteiger gemacht und mit meiner Übungsgruppe. Dabei können sich alle gleichzeitig am Bildschirm sehen und hören. Außerdem gibt es die Möglichkeit, die Teilnehmer in kleinere Gruppen aufzuteilen und virtuell in andere Räume zu schicken. Manche Übungen werden also in Paaren oder Kleingruppen durchgeführt, bevor wir uns in der große Runde wieder treffen, um Feedback zu geben und Fragen zu klären. 

Ein digitales Whiteboard ersetzt die Flipcharts im Kursraum, oder ich teile eine Datei auf meinem Monitor. Einige Übungen, die sonst mit Bodenankern verbunden sind, habe ich so angepasst, dass sie am Monitor möglich werden, z.B. indem Post-its hochgehalten werden. Sogar eine Meditation zu zweit ist über Videotelefonie so verbindend und erfüllend, dass sich täglich viele Menschen weltweit zu Dyaden verabreden. Ich bin selbst begeistert davon! 

Für mich erfüllt sich dadurch, diese Form des Online-Austausches anzubieten, das Bedürfnis beizutragen, nach Wirksamkeit und Sinn.

„GFK online“ ist eine gute Möglichkeit sich trotz Kontaktverbot auszutauschen. Aber auch abseits einer Corona-Krise bietet die Online-Variante eine gute Alternative zu persönlichen Treffen, da man keine Anfahrt hat, es sich daheim gemütlich machen kann, keinen Babysitter braucht, die Gruppe auch größer sein darf. Nur eine Kamera ist unbedingt notwendig, da ein Austausch mit wenig bis gar nicht bekannten Menschen nur über die Stimme schwierig ist. Auch für diejenigen, die technisch weniger versiert sind, nur Mut: das Tool ist super einfach zu bedienen.

Silvia

Wenn Du auch dabei sein möchtest, schau hier: Die GFK online Übungsgruppe findet aktuell jeden 2. Donnerstag um 20:30 Uhr statt.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Empathischen Zeit, Ausgabe 2/2020