fbpx

Konflikte lösen. “Das geht Dich nichts an!” – oder doch? Das liegt an der Art des Konflikts.

Im Artikel “Verschiedene Werte und trotzdem eine Familie” hast Du Dich mit den Werten in unterschiedlichen (Tier)Familien beschäftigt – und Dir Deine eigene Prägung aus der Kindheit klar gemacht. Unsere Bedürfnisse und Werte werden uns meistens erst dann bewusst, wenn sie in Gefahr sind oder eine Person ein unerfülltes Anliegen hat. Konflikte entstehen, wenn beide Personen auf Lösungen beharren, die unvereinbar sind. Setzt einer sein Bedürfnis auf Kosten des anderen durch, ist das gewaltvoll und eben nicht in Verbindung und auf Augenhöhe. Konflikte sind tatsächlich eine Chance, weil sie Dir die Möglichkeit geben, Dich und Deinen Partner besser kennenzulernen und zu hinterfragen, worum es Dir im Kern geht. 

Wenn wir Bedürfnisse und Werte in einen Topf schmeißen und umrühren, entstehen Missverständnisse. Die unterschiedlichen Konflikte voneinander zu unterscheiden erspart Dir hingegen nervige Streitgespräche. 

Der Unterschied zwischen Werten und Bedürfnissen in Konflikten

Grundsätzlich sind Bedürfniskonflikte leichter zu lösen. Wenn jemand ein Verhalten an den Tag legt, das Dich persönlich beeinträchtigt, gerät eines Deiner Bedürfnisse ist im Mangel. Da Bedürfnisse verbindend sind, kannst Du plausibel begründen, warum Dich etwas stört, so dass es für den anderen nachvollziehbar ist. Natürlich erfordert es immer noch viel Übung, seine eigenen Bedürfnisse zu verstehen und in Worte zu fassen. Hinzu kommt, dass der Andere auch eigenen Bedürfnisse hat, die gesehen werden wollen. Insgesamt ist aber ein gegenseitiges Verständnis möglich, ohne dass die eigenen Überzeugungen angegriffen werden. Auf dieser Basis ist es möglich, eine gemeinsame Lösung zu finden. 

Konflikte Papa spielt mit Kind
Foto von Tatiana Syrikova von Pexels

Dem gegenübergestellt sind Wertkonflikte. Diese zeichnen sich durch pauschale Aussagen aus. “Das macht man nicht”, “das gehört sich nicht”, “das ist aber so”. Diese Dinge sind so starr, dass Du nicht erklären kannst, warum sie Dir überhaupt wichtig sind. Deshalb kann der andere es auch nicht verstehen. Wenn ein Verhalten grundsätzlich nicht Deiner Vorstellung entspricht, ist eine Begründung erfolglos. Dabei könnte Dir die Handlung an sich völlig egal sein, weil sie Dich nicht persönlich betrifft. Es prallen aber unterschiedliche Werte aufeinander. 

Oft investieren wir wahnsinnig viel Kraft in Wertekonflite und versuchen, den anderen davon zu überzeugen, dass ein bestimmter Wert “richtig” ist. 

Vom Werte- zum Bedürfniskonflikt

Im Beispiel mit dem Hengst und der Kuhdame ärgert sie sich über die Fohlen. Der Wertekonflikt lautet: “Es gehört sich nicht zu springen, das macht man nicht.” Daraufhin sagen die Fohlen zurecht: “Wieso? Ich finde, es ist total richtig zu springen!” Der Hengst teilt diese Ansicht: “Du stellst dich jetzt schon ein bisschen an. Das kann man so nicht sagen.” Dann diskutieren sie darüber, ob es in Ordnung ist zu springen oder nicht. Diese Frage über Werte wird sich nicht klären lassen, eine Diskussion darüber ist einfach nicht zielführend. 

Konflikte lösen -  Kind hüpft auf dem Sofa, Mama arbeitet.
Dürfen Kinder auf dem Sofa hüpfen? Foto von Ketut Subiyanto von Pexels

Ganz anders stellt sich die Sache dar, wenn die Kuhdame den Schritt zu ihrem Bedürfnis macht. Dann spricht sie nicht mehr allgemein darüber, was “man” tut oder lässt, sondern von sich selbst. “Gerade stört mich das Springen, und zwar nicht, weil ich springen grundsätzlich ablehne, sondern weil ich im Moment Ruhe brauche, um hier zu essen.” Dieses Anliegen können die Fohlen verstehen, weil sie grundsätzlich das Bedürfnis nach Ruhe kennen. Es geht nicht darum, ob es richtig oder falsch ist, sondern darum zu begreifen, dass der andere in diesem Moment ein bestimmtes Bedürfnis hat. Dann kann ich mich entschieden, auf ihn einzugehen. das ist der Unterschied, der vieles leichter macht. 

Konflikte Mutter spricht mit Kind. Bedürfnis Konflikt lösen
Foto von Ketut Subiyanto von Pexels

Die ganze Energie für die Überzeugungsarbeit darüber, wie “man” es macht und wie es richtig ist, kannst Du Dir sparen, wenn Du von Dir und dem gegenwärtigen Moment sprichst. Wir betonen so oft das, was uns trennt. Werte können verbindend sein, wenn man die gleichen Werte hat, ansonsten reißen sie regelrecht Gräben auf. Werte und Strategien können unvereinbar sein, auf der Bedürfnisebene hingegen wird Verbindung wieder möglich. So kannst Du vermeintliche Wertekonflikte mit verhärteten Fronten auflösen, wenn Du sie aus Sicht der Bedürfnisse angehst. Du ersparst dir nervige Streitgespräche, wenn Du Bedürfnis- von Wertekonflikten unterscheidest. Letztere sind nämlich zum Scheitern verurteilt, weil die Ausgangsbasis nicht stimmt.  

Konflikte bei Tisch – Die Sache mit den Tischmanieren

Die Kunst besteht darin zu erkennen, wann ein Wertekonflikt vorliegt und wie Du diesen auf die Bedürfnisebene bringen kannst. Nehmen wir als Beispiel das Thema Tischmanieren. Hier prallen mitunter unterschiedliche Wertvorstellungen aufeinander. Die Frage, ob Kinder, nachdem sie selbst aufgegessen haben, am Tisch sitzen bleiben müssen, kann nervenaufreibend sein. Der Wert an sich lässt sich nicht anders begründen als mit “das macht man nicht” oder “das gehört sich so”. Das ist für Kinder überhaupt nicht überzeugend.

Konflikt Mutter und Tochter beim Essen
Foto von August de Richelieu von Pexels

Es geht nicht darum, dass Du als Stiefmutter ständig nachgibst. Gespielte Kompromisse “um des lieben Friedens willen” fliegen Dir irgendwann um die Ohren.Natürlich kannst Du euer Familienleben mitgestalten, indem die Dinge, die Dir wichtig sind, hier einen Platz finden. Es geht nicht darum, dass Deine Werte nicht wichtig sind oder Du Dir Deine Bedürfnisse abtrainieren musst. Vielmehr brauchst Du einen Weg, wie Du das ausdrücken kannst, was Dir wichtig ist. 

Finde dafür zunächst heraus, warum Du auf die gemeinsame Zeit am Tisch Wert legst. Vielleicht hast Du schöne Erinnerungen aus Deiner Kindheit, bei der ihr miteinander während der Mahlzeiten gelacht und geredet habt. Dann könnte dieser Wert etwas sein, was Du gern weitergeben möchtest. Du kannst auch Deine Gedanken beobachten. Vielleicht denkst Du, dass Du den Kindern nicht wichtig bist, dass sie respektlos sind oder Dich nicht leiden können. Sprich diese Bewertungen nicht laut aus, sondern mach sie Dir selbst einfach nur bewusst.

In Deinen Bewertungen und Werten ist Dein Bedürfnis versteckt. Dreh den Gedanken um. Dann wird daraus, dass Du wichtig sein, respektiert und geliebt werden möchtest. Jenseits von Sitten und Ordnung, möchtest Du vielleicht einfach gern Nähe und Gemeinschaft, Zeit zusammen verbringen, miteinander reden und Spaß haben. Deine Lieblingslösung, um dieses Bedürfnis zu erfüllen, sind die gemeinsamen Mahlzeiten. Wenn Du das so formulierst, wirst Du viel weiter kommen als mit der Moralkeule “Das gehört sich so”. 

Konflikte am Abend – Das Thema Schlafen 

Noch ein Beispiel für einen häufigen Konflikt ist das Thema Schlafen. Wenn das Bonuskind bei euch ist, möchte es mit bei euch im Bett schlafen, Du hingegen willst das nicht. Wenn Du mit Werten argumentierst (“Kinder gehören ins Kinderzimmer! Sie ist doch jetzt wirklich alt genug! Das muss sie schließlich lernen!”), kommst Du nicht weit, vor allem, wenn Dein Partner andere Werte hat. Zum Glück steckt hinter dieser Situation ein klassischer Bedürfniskonflikt: Du brauchst Schlaf, das Kind braucht Nähe. Diese beiden Bedürfnisse scheinen auf den ersten Blick nicht zusammen zu passen.

Konflikt Kinder im Bett der Eltern
Foto von Ketut Subiyanto von Pexels

Die beiden konkreten Wünsche “Ich will bei euch schlafen” und “Ich will, dass Du im Kinderzimmer schläfst” schließen sich definitiv aus. Für die Bedürfnisse gilt das nicht, weil diese ja durch viele verschiedene Strategien erfüllbar sind. An dieser Bedürfnissonne können an den Strahlen folgende Strategien stehen: ich schlafe auf dem Sofa, der Papa schläft im Kinderzimmer, das Kind schläft auf einer Matratze im Schlafzimmer, das Kind schläft im großen Bett ein und wird dann ins Kinderzimmer getragen und viele mehr.

Mit unterschiedlichen Wertvorstellungen umgehen

Nun kann es vorkommen, dass sich der Wertekonflikt nicht auf die Bedürfnisebene bringen lässt. Das erkennst Du daran, dass Dein Gegenüber beansprucht, seine Angelegenheit selbst entscheiden zu wollen. Oder aus der anderen Perspektive: Wenn eine Person penetrant auf etwas herumreitet, damit Du Dein Verhalten änderst, obwohl sie selbst nicht betroffen ist, habt ihr einen Wertekonflikt. 

Dann ist es an Dir zu entscheiden, ob Du mit den unterschiedlichen Werten leben kannst. Vielleicht kannst Du den anderen so tolerieren wie er ist und seine Lebensweise akzeptieren. Das gilt bei Fragen nach Hobbys oder Ernährung, zum Beispiel ob Du als Vegetarier damit leben kannst, dass Dein Partner Fleisch isst oder nicht. Wenn Du Dich immer wieder darüber ärgerst oder den anderen zu missionieren versuchst, wird es auf Dauer nicht zwischen euch funktionieren. Für diese Entscheidung kannst Du auch die Mediation “Trink einen Tee mit Deinem Zweifel” nutzen. 

Grundsätzlich ist es wichtig, wertschätzend miteinander zu sprechen und dem andern auch zuzuhören. Wir tendieren schnell dazu, bei konträren Wertvorstellungen gar nicht genau hin zu hören, sondern gleich zu widersprechen. Bei Wertekonflikten kann es aber sehr hilfreich sein, den Standpunkt des anderen zu würdigen und verstehen zu wollen. Das gibt Dir auch die Gelegenheit, Deinen Partner mit den Erlebnissen aus seiner Vergangenheit und Kindheit besser kennenzulernen. Vielleicht kommst Du dadurch sogar dazu, Deine eigenen Werte nochmal zu überdenken und ggf. zu verändern. 

Wenn Du Klarheit über Deine Gedanken hast, kannst Du diese dem anderen mitteilen. Wichtig ist dabei, eine Möglichkeit zu finden, Deine Gefühle und Bedürfnisse zwar offen, aber auf eine beziehungsförderliche Art auszudrücken.