„Es ist erstaunlich, dass er das alles überhaupt so gut mitmacht“, sagte die Kinderpsychologin.
Wir saßen zu dritt in ihrem Büro: mein Mann, seine Expartnerin und ich. Thema war die ADHS-Diagnose meines Bonussohns. Er war damals 16 Jahre alt (ich kenne ihn, seit er anderthalb ist.) Was die Psychologin als erstaunlich beschrieb, war für uns jahrelang einfach Alltag.
Mein Bonussohn lebt bei seiner Mutter, besucht dort die Schule und wechselt jedes zweite Wochenende zu uns. Zwei Haushalte, unterschiedliche Regeln, verschiedene Tagesabläufe, regelmäßige Übergänge. Das klassische Residenzmodell, in dem über 90% der Kinder in Patchworkfamilien leben – und das im Laufe der Zeit für alle Beteiligten „normal“ wird.
Erst in diesem Gespräch wurde mir klar, was ich all die Jahre nicht wirklich gesehen hatte:
Genau diese „Normalität“ ist für ein ADHS-Nervensystem eine enorme Dauerleistung. Ständige Anpassung, Orientierung, Umstellung. Nicht, weil jemand etwas falsch macht – sondern weil Patchwork und ADHS in Kombination einfach wahnsinnig herausfordernd sind.
In diesem Artikel geht es nicht um schnelle Lösungen oder Erziehungstipps. Es geht um Verstehen. Ich möchte erklären, was ADHS im Kern bedeutet, warum Patchwork kein neutraler Rahmen ist und weshalb sich beides gegenseitig verstärkt.
Warum verstärkt ADHS Patchwork-Konflikte und Belastungen?
Patchwork ist kein Ausnahmezustand, sondern für viele Familien einfach ihr Alltag.
Kinder pendeln entweder wochenweise (Wechselmodell) oder noch häufiger regelmäßig an den Wochenenden zwischen den Haushalten der Eltern hin und her. In der Regel geht das über viele Jahre, nämlich von der Trennung der Eltern bis zum Auszug als Jugendliche (oder bis sie als Teenies keine Lust mehr haben). Diese Normalität macht es so schwer zu erkennen, wo eigentlich die zusätzliche Belastung entsteht.
Denn Patchwork bedeutet nicht nur zwei Haushalte. Es bedeutet ein Leben mit Übergängen. Immer wieder neu. Ankommen, umschalten, sich einpassen. Beziehungen lesen, Stimmungen einschätzen, Regeln erinnern – und das oft, ohne dass jemand es ausdrücklich ausspricht. Es wird einfach erwartet, dass alle problemlos funktionieren und mitmachen.
Viele Familien beschreiben mir dieses Gefühl von ständiger Intensität. Und oft schwingt dabei die Frage mit: Warum ist das bei uns eigentlich so anstrengend?
Ja, Kinder können lernen, sich an unterschiedliche Erziehungsansichten, Regeln und Gepflogenheiten anzupassen. Es ist nicht so, dass Trennungskinder ihr Leben lang Probleme haben müssen. Aber wir sollten uns bewusst sein, dass wir den Kindern tatsächlich einiges abverlangen und zumuten, bei dem sie die Begleitung und Unterstützung von Erwachsenen brauchen.
Für Kinder ohne ADHS ist Patchwork herausfordernd.
Für Kinder mit ADHS ist es oft überwältigend.
Nicht, weil sie weniger können. Sondern weil ihr Nervensystem mehr gleichzeitig verarbeiten muss.

Was ist ADHS wirklich – und warum ist es kein Verhaltensproblem?
ADHS ist keine Frage von Motivation oder Kooperation.
ADHS ist eine andere Art, Reize, Emotionen und Beziehungen zu verarbeiten.
Wenn wir über ADHS sprechen, denken viele zuerst an Symptome. Unruhe, Vergesslichkeit, Impulsivität, Rückzug oder emotionale Ausbrüche. Wir haben den „Zappelphilipp“ im Kopf, der sich nicht konzentrieren kann.
Was dabei oft übersehen wird: Diese Symptome sind keine Ursache – sie sind Folgen.
ADHS beschreibt eine neurobiologische Besonderheit. Ein Nervensystem, das offener ist. Durchlässiger. Schneller aktiviert ist und langsamer wieder zur Ruhe kommt.
Typische Merkmale eines ADHS-Nervensystems sind:
- eine stärkere Reizoffenheit
- geringere Filtermöglichkeiten
- schnellere emotionale Aktivierung
- eine verlangsamte Beruhigung nach Stress
In einem stabilen, vorhersehbaren Umfeld kann ein solches Nervensystem erstaunlich gut funktionieren. In einem Umfeld mit vielen Wechseln, Erwartungen und unausgesprochenen Regeln wird es jedoch schnell überfordert.
Und genau hier trifft ADHS auf Patchwork.
Warum ist Patchwork für ein ADHS-Nervensystem besonders anstrengend?
Patchwork bringt strukturell Dinge mit sich, die sich kaum vermeiden lassen:
- mehr Übergänge
- mehr Beziehungsebenen (etwa zu neuen Partnern, Halb- und Stiefgeschwistern)
- mehr Erwartungen
- weniger Routinen
- mehr Unsicherheit
Für ein ADHS-Nervensystem bedeutet das:
- Übergänge kosten besonders viel Energie
- emotionale Reaktionen fallen intensiver aus
- der Wunsch nach Klarheit steigt
- während die innere Ordnung gleichzeitig schwerer herzustellen ist
Das Entscheidende ist: Diese beiden Ebenen verstärken sich gegenseitig.
Was von außen wie „schwierig“ wirkt, ist innen oft ein Zustand von Daueranpassung. Und was als mangelnde Kooperation interpretiert wird, ist häufig ein Nervensystem, das längst am Limit arbeitet.
Typische Missverständnisse im Familienalltag
In dieser Gemengelage entstehen leicht Zuschreibungen, die niemandem helfen:
- „Du übertreibst mal wieder.“
- „Du willst einfach nicht.“
- „Andere kriegen das doch auch hin.“
- „Du musst dich nur zusammenreißen.“
Diese Sätze treffen Kinder. Sie erzeugen Scham, Rückzug oder Gegenangriff. Dabei geht es selten um mangelnde Einsicht, sondern um Überforderung.
Im Patchwork haben wir außerdem die Tendenz, einen Schuldigen für bestimmte Verhaltensweisen zu suchen:
- Liegt es an der Erziehung?
- Am anderen Elternteil?
- An zu viel oder zu wenig Nähe?
- An mangelnder Konsequenz?
Diese Fragen sind menschlich, aber sie helfen fast nie weiter.
Denn weder ADHS noch Patchwork sind Ursache für Probleme. Sie sind Rahmenbedingungen, mit denen wir lernen müssen umzugehen.

Was das für euren Alltag bedeutet
Wenn wir beginnen, Verhalten nicht mehr isoliert zu betrachten, sondern im Zusammenhang von Nervensystem, Beziehung und Struktur, verändert sich etwas Entscheidendes. Es entstehen neue Handlungsspielräume und oft auch mehr Mitgefühl – für andere und für sich selbst. Denn wenn wir verstehen, warum etwas schwer ist, müssen wir uns nicht länger fragen, wer daran schuld ist.
Es geht darum, Zusammenhänge zu verstehen:
- warum Übergänge so erschöpfend sind
- weshalb scheinbar kleine Veränderungen große Reaktionen auslösen
- und warum Kinder (und Erwachsene) mit ADHS im Patchwork oft mehr leisten, als man ihnen ansieht
In den nächsten Artikeln werde ich einzelne Aspekte genauer betrachten: Übergänge, Nähe und Distanz, emotionale Eskalationen und das Zusammenspiel mit Pubertät. Nicht mit schnellen Lösungen, sondern mit dem Ziel, den Alltag ein Stück verständlicher – und damit leichter – zu machen.
Kurz zusammengefasst
ADHS bringt im Patchwork keine neuen Probleme hervor. Es verstärkt Übergänge, Emotionen und Unsicherheiten, die im Patchwork ohnehin vorhanden sind. Wer das versteht, kann Verhalten neu einordnen – und muss weniger kämpfen.
ADHS im Patchwork bedeutet:
- ADHS verstärkt bestehende Dynamiken
- Patchwork ist ein besonders reizreiches System
- Intensität hat Gründe
- Verstehen entlastet Beziehungen


