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Eine häufige Reaktion auf enttäuschte Erwartungen ist der Rückzug (Phase 3 im Stiefmutter-Hamsterrad). Oft kommt dieser aus der trotzigen Haltung “Dann mache ich eben gar nichts mehr!”

Wenn Du an den Umgangswochenende “flüchtest”, weil sie zu nervenaufreibend für Dich sind, steckst Du genau an dieser Stelle im Hamsterrad fest. Es gibt keine Verpflichtung, das Wochenende immer als “komplette” Patchworkfamilie zu verbringen. Wenn Du das Bedürfnis hast, alleine zu sein, steht Dir das zu. Ungünstig ist es nur, wenn Du Dir eigentlich etwas anderes wünschst. Dann passt die Strategie nämlich nicht zum Bedürfnis und wird Dich deshalb auch nicht zufriedenstellen. 

Abgrenzen kommt aus der Angst 

Du musst Dich mehr abgrenzen. 
Ich will lernen, mich besser abzugrenzen. 
Setze Grenzen. 
Kinder brauchen Grenzen. 

Persönliche Grenzen sind wichtig, denn sie schützen uns vor Überforderung. Wie Werte sind sie individuell. Was für den einen Menschen völlig akzeptabel ist, ist für einen anderen unvorstellbar. Insofern sind Grenzen per se nicht gut oder schlecht, sondern zunächst neutral. Grenzen zu setzen bedeutet, sich mit seinen Werten zu zeigen und klar sagen zu können, was für einen persönlich passt und was mit den eigenen Wertvorstellungen kollidiert. Um Dich abzugrenzen, musst Du Deine Werte kennen und für sie einstehen.

Das Ergebnis, das wir uns davon versprechen, ist ja auch absolut wichtig und wertvoll: Wir wollen für uns selbst sorgen, damit es uns gut geht. Ich finde allerdings nicht, dass “Abgrenzen” dafür der beste Weg ist. Zunächst kann es aber durchaus sein, dass für Dich Abgrenzen ein notwendiger Teilschritt ist. Denn nur, wenn Dir Deine persönlichen Grenzen bewusst sind, kannst Du diese auch klar kommunizieren. 

Foto von Emma Bauso von Pexels

Ich muss mich abgrenzen, damit…

“ich nicht zu kurz komme; überhaupt gesehen werde; niemand auf mir herumtrampelt.”

Wenn Du aus dieser Angst heraus handelst, baust Du bildlich gesprochen eine Mauer oder einen Schutzwall um Dich auf. Das kann als erster Schritt durchaus hilfreich sein. Innerhalb dieser Grenzen kannst Du Dich selbst beobachten, durchatmen und Dich sortieren. 

Langfristig wirst Du mit ständigem Abgrenzen aber nicht glücklich werden. Denn wir Menschen sind auf Verbindung angelegt. Du möchtest ja ein Teil Deiner Patchworkfamilie sein und nicht immer außen vor bleiben. Wir brauchen Beziehungen, damit es uns gut geht. Es gibt Zentren im Gehirn, die dann Glückshormone ausschütten, wenn wir etwas für andere tun. Da die anderen auch Menschen sind, haben sie dieselbe Prägung und wollen gleichzeitig wiederum zum Wohlergehen ihrer Mitmenschen beitragen. Das klingt ganz wundervoll nach heiler Welt, in der jeder auf den anderen aufpasst und versucht, dafür zu sorgen, dass es allen gut geht. Dabei ist unsere Wahrnehmung doch eine ganz andere. 

Abgrenzen – Die Aufopferungsvollen und die Egoisten

Durch unsere Erziehung und Prägung ist das natürliche Gleichgewicht aus Geben und Nehmen aus der Balance geraten. Jetzt gibt es scheinbar die “Aufopferungsvollen” und die “Egoisten”. Die einen lassen es zu, dass die anderen sie ausnutzen. Wirklich zufrieden ist keiner damit. 

Der “Aufopferungsvolle” hat verinnerlicht, dass er nur dann angenommen und geliebt wird, wenn er alles tut, was andere von ihm wollen. Seine größte Angst ist, abgelehnt zu werden, wenn er Nein sagt. Auch die vermeintlichen “Egoisten” handeln aus einer Angst heraus – selbst nicht genug zu bekommen. Wenn sie diese Angst verlieren, können sie auch ihre jetzt bevorzugte Strategie loslassen. 

Abgrenzen, weil es sonst Egoisten und Aufopferungsvolle gibt
Photo by Sarah Kilian on Unsplash

Spannend ist, dass der Aufopferungsvolle denkt, er wird zum Egoisten, wenn er nein sagt. Er hat den Gedanken, dass es “egoistisch” ist, nein zu sagen. Der Egoist wiederum hat die Angst, ausgenutzt zu werden, wenn er ja sagt. Beides sind also Kehrseiten einer Medaille. Stattdessen dürfen ja und nein als gleichberechtigte Möglichkeiten nebeneinander stehen. Es mag extreme und krankhafte Ausprägungen der Charaktere geben, das grundsätzliche Problem ist aber die Angst.

Viel schöner, entspannter und friedvoller ist es, wenn alle gesehen werden – Patchwork auf Augenhöhe eben!

Der Weg dahin geht über das Abgrenzen hinaus, hin zu Verbindung.

Mein Bedürfnis und Dein Bedürfnis, beide sind gleichwertig und gleichermaßen wichtig. Wenn Du als aufopferungsvoller Typ im Hamsterrad steckst, der tendenziell eher ja als nein sagt, kommst Du über kurz oder lang an einen Punkt, an dem Du merkst, dass Du so nicht weitermachen kannst. Dann passiert es oft, dass Du durchs Abgrenzen in das andere Extrem verfällst.

Mir gegenüber hat eine Stiefmutter diesen Zustand folgendermaßen beschrieben:

“Abgrenzung aufs extremste, Selbstliebe bis hin zum gesunden Egoismus, Mut die Wahrheit knallhart und sachlich auszusprechen, Harmoniesucht ablegen, die eigenen Wünsche nicht zerstören lassen von den Umständen und wenn es nichts wird, weil mein Partner einfach zu ängstlich ist – Sachen packen und gehen.”

eine Stiefmutter

Dabei gibt es zwischen diesen beiden Positionen an den äußeren Rändern der Skala viele Gestaltungsmöglichkeiten. Lass uns deshalb jetzt gemeinsam Stück für Stück weitergehen, so dass du deinen Platz in der Beziehung definieren kannst.

Warum uns manche Dinge so weh tun

Das ist natürlich leichter gesagt als getan. Die Angst macht deutlich, dass hier ein Bedürfnis im Mangel ist. Das könnte das Bedürfnis nach Zugehörigkeit sein, aber auch Schutz oder schlicht gesehen zu werden. Wenn Bedürfnisse erfüllt werden, verändern sich die Gefühle in solche, die diese Erfüllung anzeigen. Aus Angst wird dann etwa Zuversicht oder Ruhe. Dann kannst Du ganz entspannt zusehen, wie Dein Partner mit seinem Kind kuschelt, ohne dass dieser Anblick Dir einen Stich versetzt, eben weil Dein Bedürfnis nach Zugehörigkeit auch erfüllt ist. 

Damit das passieren kann, müssen wir erstmal verstehen, woher dieser Mangel kommt. Wir haben selbst gelernt, verantwortlich dafür zu sein, wie es anderen geht und stecken in diesem alten Denken fest. Dahinter stecken zwei Gedanken, die sozusagen die beiden Seiten einer Medaille darstellen: der Glaube, etwas leisten zu müssen, um geliebt zu werden und die Erwartung einer Gegenleistung für das, was man tut. Es gibt einige typische Denkmuster, die das Problem, dass wir so leicht über unsere Grenzen gehen, herbeiführen oder verstärken. 

Münze - Denkfehler beim Abgrenzen - 2 Seite einer Medaille
Photo by Eduardo Soares on Unsplash

Denkfehler Nr. 1: Ich glaube, etwas leisten zu müssen, damit ich geliebt werde. 

Gerade wenn Du mit einer Erwartungshaltung in die Beziehung gehst, ist oft Enttäuschung die Folge. “Das ist so ungerecht!”, denken wir, wenn wir nicht die Anerkennung bekommen, von der wir glauben, dass wir sie verdient haben. Viele Verhaltensweisen stammen aus unserer eigenen Kindheit und wiederholen sich immer wieder. Was wir selbst als Erziehung mitbekommen haben, prägt uns bis heute. Oft ist uns selbst das gar nicht bewusst, gerade weil wir Überzeugungen als Kind so tief in unserem Unterbewusstsein verankert haben, dass sie ein Teil von uns geworden sind. 

Ein typischer Glaubenssatz, den ich selbst sehr gut kenne, lautet:

“Nur wenn Du etwas leistest, bist Du etwas wert.”

Liebe und Anerkennung sind für Dich innerlich an Bedingungen geknüpft, wenn Du als Kind für gutes Verhalten gelobt oder bei Fehlverhalten auf Dein Zimmer geschickt wurdest. Wertschätzung für Dich als Person ist aber etwas ganz anderes als gelobt zu werden. Wenn Du das jedoch als Kind verinnerlicht hast, dann bist Du heute vielleicht die Stiefmutter, die immer nur leistet, aber auf der man mit Füßen herumtritt. Durch Deine Prägung kommt Dir dann der Gedanke, Du hättest etwas falsch gemacht und müsstest Dich noch mehr anstrengen. Du willst dem Mann gefallen und mit seinem Kind alles richtig machen.

“Wenn ich gut genug bin und keine Fehler mache, dann werde ich endlich geliebt werden.”

Dieser Gedanke ist nicht hilfreich, denn echte Liebe ist immer bedingungslos. Aus diesem Gedanken-Kreislauf auszusteigen, ist Deine Aufgabe und nicht die Deines Partners. 

Denkfehler Nr. 2: Ich erwarte eine Gegenleistung für mein Engagement. 

Dass Du in der Falle “Ich muss etwas tun, damit ich geliebt werde” feststeckst, erkennst Du auch an der umgekehrten Sichtweise: Du erwartest eine Gegenleistung für das, was Du tust. 

Meine gesamte Zeitplanung dreht sich um die Umgangswochenenden – da kann er doch mal danke sagen.
Ich kümmere mich um sein Kind – da hab ich mir ja wohl mal ein bisschen Aufmerksamkeit verdient. 
Wie selbstverständlich koche ich, putze und räume ständig auf, da ist es doch wohl das mindeste, dass… 

Dankbarkeit und Anerkennung sind etwas Wunderbares. Ich bin ein großer Fan davon. Der Haken daran ist aber, dass sie nur dann funktionieren, wenn sie freiwillig kommen. Sobald ich eine Erwartungshaltung habe, beraube ich mich selbst der Freude daran. Der Ausweg ist jetzt nicht, “nichts zu erwarten, damit man nicht enttäuscht werden kann.” Das finde ich total unbefriedigend. Ich habe etwas besseres: Tue nur das, was Du tun willst.

“Mir ist das zu viel. Ich möchte nicht kochen.” Dann bestellt ihr eben Pizza oder der Papa macht eine Dose Ravioli auf. Das ist voll okay und viel besser als Deine Unzufriedenheit und eine angespannte Atmosphäre. Vielleicht fallen Dir aber doch gute Gründe ein, warum Du kochen möchtest, zum Beispiel weil Dir gesunde Ernährung wichtig ist. Jetzt kannst Du völlig selbstbestimmt abwägen, welches Bedürfnis Dir wichtiger ist und Dich dann entscheiden. Tu es oder tu es nicht, aber erwarte keine Gegenleistung. 

Abgrenzen aus Angst vor Bewertungen 

Nur das zu tun, was man tun möchte – das klingt wunderbar nach Freiheit und Selbstbestimmung. Ganz so einfach scheint es aber nicht zu sein. Wir haben Angst, als Egoist abgestempelt zu werden, wenn wir bestimmte Dinge nicht für andere tun wollen. Was andere sagen oder tun, hat nichts mit Dir zu tun. Nur wenn Du es an Dich heran lässt und auf Dich beziehst, kannst Du davon verletzt werden. 

Wenn jemand mich als Egoist betitelt, wenn ich mich entscheide, heute nicht kochen zu wollen, heißt das genau das: Er bewertet mein Verhalten als egoistisch. Er selbst hat vielleicht gelernt, dass  es nicht okay ist, seine eigenen Bedürfnisse zu berücksichtigen oder… Frauen an den Herd gehören. Er spricht über seine Weltanschauung. Wenn jemand findet, dass Eltern rund um die Uhr Zeit mit ihren Kindern verbringen sollten (und mir einen Vorwurf macht, weil ich mit meinem Partner allein in den Urlaub fahren möchte), sprechen sie hier von ihrer Prägung, ihren Werten, ihrer Sichtweise. Wenn mich jemand permanent kritisiert, dann sagt das etwas über seine Haltung mir gegenüber aus oder vielleicht überhaupt über seine Art, andere Menschen zu betrachten. Bloß weil jemand behauptet, Du seist schön, klug, doof, faul, egoistisch oder rosa kariert, heißt das noch lange nicht, dass Du das auch wirklich bist! 

Dinge nicht auf Dich beziehen

Spannend ist doch aber, dass genau solche Aussagen uns Menschen beschäftigen. Die Behauptungen und Bewertungen von anderen arbeiten in Dir. Bin ich wirklich egoistisch, keine gute Mutter, eine schlechte Ehefrau, unzuverlässig, schuldig oder zu dick? Wir können nicht kontrollieren, was andere sagen oder wie sie sich verhalten. Wir können uns aber mit uns und unserer Reaktionsweise auseinandersetzen und die Verantwortung dafür übernehmen. 

Es gibt zwei typische Verhaltensweisen, die von der generellen Veranlagung und der einzelnen Beurteilung abhängen. Entweder Du nimmst Dir das Gesagte zu Herzen und glaubst an den sprichwörtlichen Funken Wahrheit darin. Dann bist Du beleidigt, wütend, schuldbewusst, verunsichert, böse. (Wie Du es schaffst, nie wieder beleidigt zu sein, liest Du hier) Vielleicht beginnst Du Dich sofort zu rechtfertigen, indem Du sagst: “Das stimmt doch gar nicht!” Oder Du gehst in den Gegenangriff über: “Du bist doch selbst keinen Deut besser!” Wenn Du Dir bewusst bist, welche Reaktion typischerweise in Dir abläuft, kannst Du diese aktiv und mit der Zeit verändern. Hier erfährst Du, wie Du wertschätzend mit Vorwürfen umgehen kannst.

Eine gute Frage, um von einer Bewertung zu einer sachlichen Beobachtung zu kommen ist schlicht: “Wie meinst Du das?” Das verschafft Dir selbst Bedenkzeit, um zu überlegen, wie Du reagieren möchtest. Außerdem lösen sich Missverständnisse frühzeitig auf, wenn der andere seine Aussage erklären und revidieren kann, bevor das Gedankenkarussell sich weiterdreht. 

Du weißt trotzdem nicht, wie Du aus dem Abgrenzen herauskommst und was Du stattdessen tun kannst? Dann lass uns miteinander sprechen. Hier kannst Du Dir Deinen freien Termin aussuchen.