Family Life

Versetzung gefährdet

Früher hießen sie “Blaue Briefe”, heute sind sie schlicht weiß, aber nicht weniger bedrohlich: Nicht ausreichende Leistungen in fünf Fächern. Zunächst ist es nur eine Information, aber es folgte sofort ein Gespräch, bei dem es hieß, wir können ihn auch von der Schule verweisen. Problem: Sozialverhalten. Die Lehrer rufen: Konsequenzen! Ich denke mir, hier ist ein Kind in Not.

“Heute sprechen wir aber nicht darüber, heute ist ein denkbar schlechter Tag dafür”, sagt mein Mann. “Heute” ist der Tag nach dem Wochenende, als Tom bei seiner Mutter war. Das sind immer die schwierigsten Momente. Sonntags schläft er nicht vor 23 Uhr, vorher weint er, schreit, tritt gegen die Wand. Wenn man es schafft, an ihn heranzukommen, verrät er, dass er nicht hier sein will, sondern bei seiner Mama. Er hat Heimweh. Wir sehen es als Fortschritt, dass er das überhaupt so klar formulieren kann. Noch vor wenigen Wochen war das nicht der Fall. Die Ausdrucksform, die er für seine Gefühle wählt, ist ungünstig: Aggression, Schimpfwörter, Gewalt. Es ist schwer, das ständige “Arschloch” nicht persönlich zu nehmen. “Bitte hör mit dem Klopfen auf, du weckst die Mädchen.” Alle Angebote fruchten nicht, mit ihm kuscheln, noch etwas vorlesen, seine Mama anrufen, alles lehnt er ab. Dabei ist er so unglücklich. Ist es richtig, dass er hier ist? Wir reden leise im Schlafzimmer. Ja, es ist dennoch die beste Lösung. Wie können wir ihm helfen?

Montagmorgen, Tom will nicht aufstehen, will nicht zur Schule gehen. Die Uhr tickt, wir müssen pünktlich los, Kindergarten, Schule, Arbeit, alle haben ihre Pflicht. Verständnis zeigen, Verantwortung dem Kind übergeben. Durchatmen. Wir sprechen das Schreiben an. Das sind die Fakten, wir können das als Eltern kaum beeinflussen. Es liegt an dir. Ich kann dich nicht zwingen, auch wenn viele von außen sagen, dass ich das sollte. Ich gehe aus dem Zimmer, er lauscht. Gehe ich wirklich die Treppe runter? Überlasse ich es wirklich ihm zu entscheiden? Er wartet an der Tür. Dann zieht er sich an.

Warum er sich plötzlich doch dafür entschieden hat, zur Schule zu gehen, weiß ich nicht. Ich hoffe, dass er es am nächsten Tag wieder tut, und dann nochmal. Bald ist wieder Wochenende.

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